Seit Montag sitzen sie nicht mehr. So viel kann jeder sehen. Aber sie stehen auch nicht. Weder kauert Ulrich Wickert, noch hockt Eva Herman. Ob sich Anne Will anlehnt? Eigentlich nicht. Stehsitzen, so nennt Tagesschau-Chefsprecher Jan Hofer die neue Körperhaltung. Die Untauglichkeit dieses Neuverbs erweist indes sein Imperativ: Stehsetzen Sie sich doch bitte! Wie hässlich, keinem Interviewpartner zuzumuten.

Auch der Holzbock, der dem Nachrichtenteam der ARD nun den nötigen Halt verleiht, ist bislang nicht auf den Begriff gebracht. Es ist wirklich zum Verzweifeln. Da fasst sich eine der ehrwürdigsten deutschen Institutionen ein Herz, plant die große Gestaltreform, setzt sie sogar um - und am Ende steht wieder einmal ein bequemer Kompromiss.

Die politische Relevanz der neuen Haltung sollte nicht unterschätzt werden.

Solch eine Leibesinnovation hat Signalwirkung. Betroffen ist schließlich die Tagesschau, der Marktführer. Weshalb sich die Frage stellt: Was will uns die ARD mit ihrem Stehsitzen sagen?

Aktueller, offener, dynamischer, lebendiger und dialogischer möchte sich das Team nach eigenem Bekunden präsentieren. Wirklichkeitsnäher sei das Stehsitzen. Außerdem sei nun die optimale Streckung des Zwerchfells gewährleistet, die deutliche Klangverbesserungen in Aussicht stellt. In Krisensituationen sollen sich die Moderatoren gar von ihrem Holzbock lösen dürfen, frei durch das Studio wandeln, um darauf die Nachrichten an Infotafeln zu erläutern.

Zunächst einmal wird fröhlich stehgesessen. Selbst der 1,96 Meter große Sitzriese Ulrich Wickert spricht von einem ganz großen Schritt und erhofft sich auch journalistisch einen neuen Schub, während sich die eher klein gewachsene Anne Will endlich in voller Länge präsentieren darf. Ex negativo legt die Designmaßname den Schluss nahe, dass die ARD-Nachrichten über Jahrzehnte in einem realitätsfernen und stimmhemmenden Umfeld produziert wurden, das zudem zu sozialen Verwerfungen innerhalb des Teams führte. Vor allem aber gibt die neue Körpersprache aus medientheoretischer Perspektive zu denken. Denn von Kant bis Cassirer ist sich die Symbolphilosophie einig: Der Leib ist das wichtigste Zeichensystem unserer Kultur. Wie wir unseren Körper im Raum verstehen und präsentieren, bestimmt unser gesamtes Wirklichkeits- und Selbstverständnis. Zwischen einer sitzenden und einer stehenden Deutungsweise liegen demnach Welten, was bei einem Wesen, das Jahrmillionen um den Selektionsvorteil des aufrechten Ganges kämpfen musste, kaum anders sein kann.

An der entscheidenden Übergangsstelle zwischen Natur und Kultur allerdings kam es zu einer erneuten Umkehrung der Dominanzverhältnisse. Wahre Erkenntnisautorität repräsentiert sich auf Stühlen. Vom allmächtigen Schöpfergott bis zu Marlon Brando in Apocalypse Now und als Pate kennt die Ikonografie der Macht nur eine Pose: das Sitzen. Wer sich als Herrscher eigens erheben muss, ist in seinem Machtanspruch bereits infrage gestellt.