Gegen halb neun Uhr abends schluckte Becky Daggett den Kloß in ihrem Hals herunter, trat auf die Bühne und gestand die Niederlage ein. »Wir haben hier nicht gegen irgendeine lokale Vereinigung verloren«, rief sie dem Häuflein enttäuschter Stadtbürger zu, die sich eigentlich zu einer Feier im Orpheum-Theater versammelt hatten. »Wir sind an einer Kampagne gescheitert, die mit Hunderttausenden von Dollar gegen uns geführt wurde.«

In dem 50.000-Seelen-Örtchen Flagstaff im Norden von Arizona sind an diesem Tag die Ergebnisse des jüngsten Bürgerentscheides bekannt geworden: Ein neues Wal-Mart-Supercenter darf gebaut werden. Der Stadtrat und Becky Daggetts Bürgerinitiative (»Freunde der Zukunft von Flagstaff«) wollten solch »riesige Kästen« verbannen und einem »neuen Urbanismus« frönen, einer platzsparenderen, landschaftsfreundlicheren, ökologischer gesinnten Art städtischen Wachstums. Die Entscheidung fiel knapp, 51 zu 49 Prozent, die Wahlbeteiligung lag bei stolzen 60 Prozent. »Als Nächstes wird Wal-Mart auch noch die Kandidaten der nächsten Stadtratswahl beeinflussen wollen«, knurrt ein Helfer, der begonnen hat, im Orpheum-Theater die Plakate abzunehmen. Die Snackplatte mit den Käsestücken, rohen Möhren und Broccoliröschen bleibt unangetastet. Die Party ist aus.

Ein typisches Wal-Mart-Supercenter ist so groß wie 18 Fußballfelder

Die Niederlage von Flagstaff ist für Paul Blank alles andere als eine Lappalie. Blank arbeitet in Washington, sechs Flugstunden von Flagstaff entfernt, und trägt den Titel eines Kampagnendirektors bei der Einzelhandels- und Lebensmittelgewerkschaft UFCW. Auf Leute wie Becky Daggett hat Blank große Hoffnungen gesetzt: Denn er hält sie für die neue Geheimwaffe der Gewerkschaftsbewegung. Obwohl die aktiven Bürger meistens nicht in der Gewerkschaft sind. »Im ganzen Land haben sich solche Gruppen gegen Wal-Mart gebildet«, berichtet er. »Wir zählen Hunderte.«

Paul Blanks Optimismus hat mit seiner Vergangenheit zu tun. Im jüngsten amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf war er der Politikdirektor für Howard Dean gewesen, der beinahe statt John Kerry zum demokratischen Spitzenkandidaten gekürt worden wäre und im Vorwahlkampf durch Bürgerinitiativen und Internet-Kampagnen großes Aufsehen erregte. Mit ähnlichen Mitteln will Blank jetzt eines der drückendsten Probleme der Gewerkschaften lösen: Was können sie gegen Wal-Mart tun? Gegen den 285-Milliarden-Dollar-Umsatz-Giganten mit seinen 3200 Läden in den USA und 1100 weiteren weltweit? Gegen ein Unternehmen, das ein Kritiker nach dem anderen für sinkende Löhne und schlechtere Arbeitsbedingungen im ganzen Land verantwortlich macht? Gegen eine Supermarktkette, die einen Konkurrenten nach dem anderen – vor allem jene, deren Mitarbeiter gewerkschaftlich organisiert sind – aus dem Feld schlägt? Deren Zentrale mitunter ganze Läden oder Geschäftsbereiche schließt, wenn die Gewerkschaft einen Fuß in die Tür bekommt?

»Wir verfolgen eine doppelte Strategie«, sagt Blank. »Wir organisieren landesweite und internationale Kampagnen wie zum Beispiel zuletzt die Anti-Wal-Mart-Demonstrationen zum Muttertag. Und wir helfen örtlichen Bürgerinitiativen, sich zu organisieren.« Der Kampf soll in der Presse geführt werden – und mit Hilfe von Strafanzeigen wegen angeblicher Kinderarbeit, unbezahlter Überstunden oder falscher Werbung. Eine Internet-Seite, auf der sich frustrierte Wal-Mart-Mitarbeiter anonym beklagen können, ist geplant. Kleine Umweltgruppen bekommen von den Gewerkschaften Tipps und Geld, genauso wie Frauenrechtsorganisationen, Interessenvertreter für Einwanderer, Dritte-Welt-Gruppen oder die Verteidiger alter Tante-Emma-Läden. »Das ist keine Frage mehr, die nur die Gewerkschaften etwas angeht«, verkündet Blank. »Wir bilden eine breite Koalition«.

Da hat er sicher Recht, wenn man bedenkt, dass in Flagstaff sogar Jim Babbitt mit dabei war. »Die Babbitts sind 1886 nach Flagstaff gekommen«, erzählt er, »vier Jahre nach der Eisenbahn.« Wie die meisten seiner Vorfahren ist auch Jim Babbitt ein Händler und Ladenbesitzer. Er betreibt ein Fachgeschäft für Bergsportartikel im Stadtkern von Flagstaff. »Babbitt Brothers – Ranchers, Merchants & Indian Traders« steht in handgemalten Buchstaben auf der Front des Gebäudes, das wunderschön in den historischen Stadtkern passt. Anderswo kann man hier auch noch seine Westernstiefel aufarbeiten lassen, Indianerschmuck erwerben oder sich einen Whisky im Saloon genehmigen. BILD

Die Familie Babbitt hat den Effekt großer Einzelhandelskonzerne schon mehrmals erlebt. In den achtziger Jahren war es die Safeway-Kette, die sich in Flagstaff breit machte und den verhältnismäßig teuren Lebensmittelläden der Babbitts den Garaus machte. Als später große Supermärkte wie Target am Stadtrand auftauchten, ein kleinerer, traditioneller Wal-Mart und ein neues Einkaufszentrum, sahen die Ladenbesitzer der alten Innenstadt wieder ihre Gewinne schrumpfen – soweit sie sich nicht ganz auf das Geschäft mit Touristen einstellten.