Wie gut ist oder war eigentlich die rot-grüne Außenpolitik? Normalerweise würde man nach Resultaten fragen und sich die internationale Lage ansehen. Die EU, in der die Bundesrepublik ja keine ganz unwichtige Rolle spielt, steckt in einer Krise, die von der Regierung selbst als "Desaster" beschrieben wird. Der fast schon abgewählte Kanzler hat dabei nicht mehr viel zu bestellen, aber zur Verteidigung des "politischen Projekts" Europa gegen kapitalistischen Ungeist einer bloßen Freihandelszone sieht er sich berufen und will damit womöglich sogar Wahlkampf machen. Gegen einen ständigen deutschen Sitz im UN-Sicherheitsrat gibt es jetzt faktisch ein Nein der Vereinigten Staaten, die von der Bundesregierung bei diesem beispiellos ehrgeizigen Projekt bisher als irgendwie irrelevant behandelt worden waren. Den Versuch, das EU-Waffenembargo gegen China zu beseitigen, hat Gerhard Schröder einstweilen aufgeben müssen – er hat es aber lange genug probiert, um sich das Image eines Diktatorenfreundes zuzuziehen, ein Image, das mehr und mehr auch als das Haupterbe seiner Russlandpolitik und der Nähe zu Wladimir Putin erscheint. Ob man sie realpolitisch oder idealistisch betrachtet, nach der Macht- oder nach der Moralseite hin, es fällt schwer, die rot-grüne Außenpolitik am Ende dieser sieben Jahre als Erfolg darzustellen.

Trotzdem gilt sie als Schröders Stärke, die Union fürchtet ihn auf diesem Terrain wie auf keinem sonst, und man weiß auch, warum. Wenn er in der kommenden Woche in Washington mit George Bush zusammentrifft, wird der deutschen Öffentlichkeit noch einmal der Kanzler vor Augen stehen, der nein zum Irak-Krieg und zum Machtanspruch dieses Präsidenten gesagt hat, letztlich zum Machtanspruch der Supermacht überhaupt. Die Deutschen sind Schröder dankbar, dass er sie aus einem weltpolitischen Abenteuer herausgehalten hat. Aber wichtiger war wahrscheinlich die trotzige Geste selbst. Es sind gar keine konkreten Erfolge, auf denen das Prestige von Schröders Außenpolitik beruht, und daher ist es durch Misserfolg auch kaum zu erschüttern. Was sich mit ihm verbindet und was populär ist, ist gefühlte Außenpolitik, eine Stimmung: dass die Bundesrepublik international freier, selbstbewusster und eigenständiger geworden sei, einen Kopf größer, kein Bündnisvasall mehr und in Europa nicht länger bloß Zahlmeister. Deutsche Außenpolitik werde in Berlin gemacht, nirgendwo sonst, hat Schröder in der Irak-Krise erklärt, und damit hatte er einen Nerv getroffen.

In der Irak-Frage ist antiamerikanisch zugespitzt worden und durch den Wahlkampf 2002 außer Kontrolle geraten, was der Kanzler von Anfang an angeschlagen hatte: das Motiv von der Bundesrepublik als "normalem", "erwachsenem" Land. Seine Außenpolitik ist im Grunde ein Stück seiner Geschichtspolitik, nach der die Deutschen ihre Lektion gelernt haben und nun – ja, was nun? Mehr Verantwortung übernehmen müssen? Auch einmal einen Alleingang wagen dürfen? Es liegt etwas Schillerndes über dieser Schröderschen Normalität, ein ungeklärtes Spannungsverhältnis von neuen Pflichten und neuer Ungeniertheit. Die Bereitschaft zum Traditionsbruch hat die Kriegsteilnahme im Kosovo und in Afghanistan ermöglicht. Die Regierung der Achtundsechziger, die nicht unter dem Verdacht nationaler Machtpolitik stand, konnte das Militärische "enttabuisieren" (Schröder) und Deutschlands "Sicherheit am Hindukusch" verteidigen lassen (Struck). Es ist zuerst diese Zäsur gewesen, nicht der Widerstand gegen Bush, dem die rot-grüne Außenpolitik den Ruf des Epochemachenden verdankte.

Mit der Traditionslosigkeit ist unter Schröder aber auch etwas Unernstes, Spielerisches in die Außenpolitik eingezogen, in geradezu provozierendem Gegensatz zur sorgenvollen Umsicht der alten Bundesrepublik. Dass etwa durch den Streit mit Amerika wirklich etwas kaputtgehen könnte, schien ihm gar nicht in den Sinn zu kommen; er nahm "den Westen" wohl für garantiert, womöglich weil er sich unter Westen so etwas vorstellte wie sein Lieblingshistoriker Heinrich August Winkler, nämlich die Moderne, in der Deutschland doch nun unwiderruflich angekommen war. Wenn es keine echten Gefahren gibt, kann man schon einmal etwas riskieren. Schröders Politik hat alle möglichen Gefühle ausgelöst, Respekt vor seinem Mut, Entsetzen über seine diplomatische Unbedenklichkeit, Bewunderung der Friedensfreunde, Hass und Verachtung bei den Bushisten, schiere Verblüffung. Vertrauen ist nicht darunter.

Dass Deutschlands internationales Gewicht gewachsen wäre, die implizite Annahme hinter dem Beifall für eine Politik des "Selbstbewusstseins", ist eine Legende. Viel spricht im Gegenteil dafür, dass die Bundesrepublik an Bedeutung eingebüßt hat. Zum Teil hätte keine Staatskunst etwas daran ändern können: Deutschland liegt nach dem Ende des Kalten Krieges nicht länger am Nabel der Welt, es ist global weniger interessant geworden und in einem größeren Europa politisch kleiner. Zum Teil hat es zwar mit Politik zu tun, aber nicht mit Außenpolitik: Die Bundesrepublik ist keine kraftstrotzende Wirtschaftsmacht mehr.

Doch gibt es daneben ein genuin außenpolitisches Versagen. Schröder hat zwar, wie manches andere, auch den Begriff des deutschen Interesses "enttabuisiert". Aber erklärt hat er ihn nicht. Das angeblich eigenständigere, selbstbewusstere Deutschland ist in Wahrheit abhängiger geworden, vor allem von Chiracs Frankreich, das den Bundeskanzler in der Irak-Krise vor der drohenden Isolation gerettet hatte und seither auf uneingeschränkte Solidarität zählen darf: ein Bündnis zweier Länder mit angeschlagenem Wirtschafts- und Sozialmodell, die in Europa mit schwindendem Erfolg gegen eine neue Zeit ankämpfen. Die Partnerschaft mit Russland soll die Energieversorgung sichern und die Abhängigkeit von der instabilen Golfregion mindern – das ist in der Tat ein deutsches Interesse. Doch der Preis für die Putin-Freundschaft ist Unbehagen in Polen und im Baltikum, im ganzen östlichen Mitteleuropa, wo doch seit 1989 die eigentlichen Chancen und Aufgaben Deutschlands liegen müssten. Auf Russland zu setzen heißt, sich mit einer absteigenden Großmacht einzulassen, die von ihren Nachbarn mit Misstrauen betrachtet wird und sich zuletzt eine Niederlage nach der anderen eingehandelt hat: in Georgien, in der Ukraine, in Kyrgystan. Die Fixierung auf Moskau begründet, wie die auf Chirac, eine Verlierer-Allianz.