Hannover
Die Schröderstadt Hannover sollte kein schlechter Ort sein, um über "Chancen und Perspektiven linker Politik" zu beraten. Um den Kanzler geht es freilich nur noch mittelbar. Die Frage lautet: Können WASG und PDS gemeinsame Sache machen? Man trifft sich im Lister Turm, einem linken Jugendzentrum, gut 130 Personen sind erschienen, was angesichts der Stärke beider Ortsverbände einer Vollversammlung recht nahe kommt.

Die Stimmung ist durchwachsen. Den WASGlern, kenntlich an grauen Haaren und gesellschaftsfähiger Kleidung, ist anzusehen, dass sie einiges hinter sich haben: Koordinierungskreis am Sonntag, Mitgliederversammlung am Montag, Dienstag tagte die AG Bildung, Mittwoch war Stadtteiltreff, Donnerstag Infostand (von einigen Jahrzehnten sozialdemokratischer Parteiarbeit zu schweigen). Nun sitzen sie da, erschöpft und bedrückt wie eine Aktionärsversammlung angesichts eines feindlichen Übernahmeversuchs. Freilich, das Geld der PDS hätten sie gerne, das räumen auf Nachfrage alle ein.

Die Genossen der PDS machen einen beträchtlich entspannteren Eindruck. Sie sind überwiegend jünger, fallen durch Kapuzenpullis und ausgebeulte Hosen auf und wirken schon daher weniger deplatziert in diesem Jugendzentrum. Außerdem kommen sie, anders als die WASGler, die aus dem gesamten Umland Hannovers zusammengetrommelt wurden, aus der Stadt und haben darum eine Art Hausrecht. Und sie haben geschulte Redner in ihren Reihen, darunter einige frühere DKP-Kader. Sie geben den Ton an. Historische Chance!, rufen sie. Starke Front gegen Kriegspolitik und Neoliberalismus! Gegen Hartz IV und die falsche Wirtschaftspolitik des Großkapitals! Zwischendurch wandert ein Klingelbeutel durch ihre Reihen. "Socialism" steht darauf. Ein Handy spielt die Internationale.

Historischer Materialismus gegen linken Idealismus – die erste Runde geht an die PDS. In der Pause räumen schon einige WASGler das Feld. "Einheitssülze", schimpft ein ehemaliger Grüner im Hinausgehen, unzufrieden gleichermaßen mit dem Verlauf der Veranstaltung und mit sich selbst, weil er, entschiedener Gegner des neuen Bündnisses, sich nicht ans Mikrofon getraut hat.

Aber nun ergreift Michael Höntsch das Wort, ein alter Kämpe aus der GEW. "Ich bin nicht 20 Jahre Sozialdemokrat gewesen, um dann in die PDS einzutreten", ruft er. – "Ihr müsst zur Kenntnis nehmen, dass unsere Mitglieder für diesen Namen in den letzten Jahren einiges eingesteckt haben", schallt es aus den Reihen der PDS zurück. "Den geben wir nicht so einfach her."

Was tun? Die Zeit drängt, drei Monate bleiben bis zur Wahl, und das Jugendzentrum schließt um 22.30 Uhr.

Auf der Website der PDS wird später von einer "grundsätzlichen Bereitschaft für das Bündnis "und der "bereits sehr breiten inhaltlichen Übereinstimmung" die Rede sein, die sich an diesem Abend gezeigt hätten. Welch ein Irrtum! In Wirklichkeit hatten von den WASGlern ganz einfach nur die Befürworter des Bündnisses das Wort ergriffen.