Philipp-Christian Wachs
Meine sehr verehrten Damen und Herren, im Namen der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius möchte ich Sie alle heute Abend herzlich begrüßen.

Für einen Abend zum Thema Nanokosmos ist ein Spaziergang am Strand eine gute Vorbereitung. Greifen Sie die erste Muschel, die Sie finden. Ihre Schale besteht zu 98 % aus Kalk. Doch ist sie bis zu 3.000 mal so hart wie ihr geologisches Material, obwohl sie im Ozean entstanden ist bei ganz gewöhnlichen Temperaturen und ohne den Zusatz toxischer Stoffe. Muscheln besitzen also die Fähigkeit, mit Hilfe von Proteinen den Kalk auf der Nanoskala zu einer neuen Struktur anzuordnen. Wie Mörtel halten Proteine geschichtete Kalkplättchen von wenigen Nanometern – das sind Millionstel Millimeter – Dicke zusammen.

Zurück zur Natur könnte ein augenzwinkerndes Motto des Abends lauten. Denn Nanokosmos-Experten finden ihren Meister in der Regeln in der Natur und versuchen ihr nachzueifern. Bislang kann die Natur es meist besser. Seit Urzeiten baut sie meisterhaft und immer neu Atome und Moleküle zu Zellapparaten, ganzen Organismen und vor allem Werkstoffen zusammen.

Forscher begeistern sich für diese unsichtbare Welt des Nanokosmos, Finanziers träumen von einem neuen Goldrausch am Markt der Millionstel. Ciceros Erkenntnis, dass alles von den kleinen Dingen kommt, ist das Mantra aller Nanotechnologen. Auf Deutschland übersetzt heißt Ciceros Erkenntnis, dass alles von den kleinen Städten kommt, von Münster über Karlsruhe bis nach Dresden sind die Forschungs- und Produktionszentren des Nanokosmos weit verstreut. Die Technik aus der Zwergenwelt gilt vielen als Garant für eine rosige Zukunft.

Schon heute wird großes Geld mit kleinen Teilchen verdient – kratzfeste Autolacke, sich selbst reinigende Fensterscheiben, T-Shirts, die keinen Schweiß mehr annehmen, Computerchips, die sich selber kühlen, die Palette wird täglich länger. Die Macht der Zwergenpartikel spielt den Innovationsriesen, und das gleich für viele Branchen auf einmal, von denen heute auch einige im Podium vertreten sind. Von der Biotechnologie über die Elektronik bis zur Optik und zur Raumfahrt befasst sich die Nanotechnologie interdisziplinär mit Forschung und Entwicklung, Arbeitstechnik und Anwendung in winzigen Strukturen, clevere Krümel als Bausteine einer dritten industriellen Revolution.

Für die einen hat das Kürzel Nano einen Sympathiebonus durch scheinbar ungeheure Innovationskraft. Die anderen beschwören das Bild der Gefahr aus dem Nichts. Die Kombination aus neuer Technologie und vagem unsichtbarem Risiko macht es einfach, die Nanotechnologie in Verruf zu bringen. Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn sich da nicht etwas machen ließe. Denn auch Umweltorganisationen suchen ständig neue Märkte und Betätigungsfelder. Noch wissen – Umfragen zufolge – erst 50 % der Deutschen etwas mit dem Kürzel Nano anzufangen und nur 15 % wissen genau, was sich dahinter verbirgt. Schon bald könnte sich entscheiden, ob wir irgendwann im morgendlichen Stau auf Heckscheiben mit Nano-Nein-danke-Aufkleber starren. Nanotechnologie als das Asbest des 21. Jahrhunderts wäre ein Feindbild, gegen das sich schwer anforschen und auch anfördern ließe. Die Volksangst vor der Gentechnik ist dafür ein Menetekel.