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Kandiba/Afghanistan

In einem kühlen, schmutzigen Raum in dem afghanischen Dorf Kandiba, das sich in eine üppige Ebene am Fuße des Hindukuschgebirges schmiegt, verwünschen fünf Bauern das Leben auf der richtigen Seite des Gesetzes. Seit beinahe einem Jahrzehnt hat fast jeder Einwohner dieses 184-Familien-Weilers im Drogenhandel gearbeitet, Mohn gepflanzt und das Opium an Händler aus der Nähe von Dschalalabad verkauft. Wakil, ein Dorfältester, dessen hennarotes Haar unter einer quadratischen weißen Mütze hervorschaut, sagt: "Die einzigen, die nicht beteiligt waren, waren der Mullah und die kleinen Kinder." Dann jedoch drohte die Regierung, die Ernte zu vernichten. Also hat Kandiba in diesem Jahr Weizen angebaut. Wakil streicht sich über seine hohlen Wangen, um das Ergebnis vorzuführen. "Sehen Sie uns an", sagt er und weist auf seine Bauernkollegen, die auf hölzernen, mit Seilen bespannten Betten sitzen und grünen Tee schlürfen. "Wir haben Hunger."

Afghanistan wird von einer Anti-Mohn-Kampagne überrollt. Ein Bericht der Vereinten Nationen vom vergangenen November warnte, dass der afghanische Mohnanbau im Jahr 2004 auf Rekordhöhe geschnellt war. Mit einem geschätzten Wert von 2,4 Milliarden Dollar macht der Mohnhandel 60 Prozent der Wirtschaft des Landes aus und versorgt die Welt mit 87 Prozent des insgesamt verbrauchten Opiums. Auf den UN-Bericht reagierte Präsident Hamid Karsai mit einen nationalen "Dschihad gegen die Drogen", und die internationale Gemeinschaft erhöhte ihr Antidrogenbudget auf fast eine Milliarde Dollar. Der Kommentar von Generalleutnant David Barno, dem höchsten amerikanischen Offizier in Afghanistan: "Im vergangenen Jahr hatte der politische Prozess Vorrang. Dieses Jahr ist es der Mohn."

Geändert haben sich auch die Prioritäten der Bush-Regierung in ihrer zweiten Amtszeit. "Die ersten drei Jahre lang waren die Vereinigten Staaten vor allem daran interessiert, Verdächtige des 11. September zu jagen", sagt Barnette Rubin von der New York University. Zwar gibt es eine Verbindung zwischen Terrorismus und Rauschgift – es wird vermutet, dass viele Händler ebenso Aufständische wie Drogen schmuggeln –, aber die Taliban und al-Qaida scheinen Opium nicht als eine ihrer Haupteinnahmequellen anzusehen. Anders freilich die Warlords, oft dieselben Befehlshaber, auf die sich die Vereinigten Staaten im Kampf gegen die Taliban stützten und die nun als Schurken verfolgt werden. Barnette Rubin: "Das Ziel ist jetzt, die Geldversorgung illegitimer Machthaber durch diese illegale Wirtschaft zu unterbinden."

Afghanistan begann in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, Mohn anzubauen. Als das Land in ein Vierteljahrhundert des Bürgerkriegs schlitterte, erblühte der Handel. Wie der Staub, der über Afghanistans weitgehend ungepflasterte Straßen getrieben wird, ist das Opium jetzt überall. In den Hauptanbaugebieten gibt der Mohn zwei Dritteln der Dorfbewohner Arbeit, als Tagelöhner, Landeigentümer oder Händler. Die Polizei steht im Verdacht, den Handel zu schützen – gegen Entgelt. Afghanische und internationale Beamte nennen die Namen von hochgestellten Persönlichkeiten, die am meisten am Opium verdienen würden – etwa denjenigen des ehemaligen Verteidigungsministers General Mohammed Fahim oder des Gouverneurs von Kandahar, Schersai, sowie Ahmad Wali Karsais, des Bruders des Präsidenten (alle drei leugnen, involviert zu sein). Die Volksmeinung schreibt die Flut funkelnagelneuer Hochhäuser in Kabul dem Drogengeld zu. "Wahrscheinlich mieten wir unsere Büros von diesen Leuten", sagt ein europäischer Diplomat.

Im Januar 2004 wurde eine afghanische Einheit für Drogenbekämpfung ins Leben gerufen; im Jahr 2004 beschlagnahmte sie 80 Tonnen Opiate sowie 30 Tonnen Vorläuferchemikalien und zerstörte 70 Drogenlabore. In der nordöstlichen Stadt Kundus, wo das Wiederaufbauteam der Bundeswehr für eine relative Stabilität sorgt und in dessen Nähe vorige Woche zwei deutsche Soldaten bei einer Explosion starben, führte die Polizei kürzlich einen Teil ihrer aus dem Drogenhandel stammenden Beute vor: Material zur Herstellung von Heroin, darunter vier Kilogramm Opiumkissen, die aussahen wie dicke schmutzige Pfannkuchen. Angesichts von Exporten von mehr als 4000 Tonnen Opiaten im vergangenen Jahr ist das freilich nichts. "Sie können in einer Nacht auf einer Party vier Kilogramm bekommen", spottet ein europäischer Diplomat.

Das Problem ist teilweise struktureller Natur: Afghanistan ist erst dabei, ein für die Verfolgung von Drogendelikten zuständiges Gericht und ein entsprechendes Gefängnis aufzubauen. Außerdem muss die Drogenpolizei erst noch geschult werden. Zu diesem Zweck hat die amerikanische Drug Enforcement Agency Trainingsgruppen entsandt. Ein Lehrgang dauert sechs Wochen, der Fortgeschrittenenkurs zur Häusersicherung sieht so aus: Ausgestattet mit Tarnanzügen, schwarzem Fleece und verspiegelten Sonnenbrillen trainieren die Auszubildenden in einem Gebäude ohne Dach, das als kill house bezeichnet wird. Teams von jeweils neun Kadetten, die ungeladene 9-Millimeter-Gewehre hochhalten, stürmen die Räume und schreien: "Polizei! Kommen Sie heraus!" Die Ausbilder spielen den Feind und schießen mit Leuchtpunktpistolen auf die Polizisten. Zu einem Kadetten, dessen Helm auf der Rückseite rosafarben beschmiert ist, sagt der Ausbilder: "Sehr schön. Aber Ihnen ist in den Kopf geschossen worden, weil Sie nicht nach hinten gesehen haben."

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Bleibt das Problem Korruption. Jeder Rekrut soll 70 Dollar pro Monat von der afghanischen Regierung erhalten; die Vereinigten Staaten subventionieren die Gehälter mit weiteren 100 Dollar monatlich. "Es ist gerade genug für Verpflegung und Unterkunft", sagt Mohammed Ismail, ein 24 Jahre alter Rekrut. "Aber ich liebe diesen Job."

Und die Ergebnisse? Einem Bericht der UN-Behörde für Drogen und Verbrechen (UNODC) vom ersten Quartal 2005 zufolge ist der Anbau in den meisten Mohnanbaugebieten des Landes merklich gesunken. Immerhin, die Bauern in den traditionellen Mohnanbaugebieten reduzierten den Anbau – wohl aus Furcht vor den regierungsamtlichen Erntevernichtungen. Dazu kamen ökonomische Gründe – das Überangebot des vergangenen Jahres drückte die Mohnpreise um zwei Drittel.

Nach einigen Treffen mit der Provinzregierung im vergangenen Winter hatten auch die Bauern aus Kandiba eingewilligt, auf den Anbau von Mohn zu verzichten – als Gegenleistung war ihnen internationale Hilfe versprochen worden. Doch die kam nur tröpfchenweise. Hadschik Mohammed, dessen zerfurchtes Gesicht und weißer Bart seine Behauptung, 50 Jahre alt zu sein, Lügen strafen, sagt, er könne 14 Kilogramm Opium auf seiner Parzelle ernten. Im vergangenen Jahr brachte ihm der Mohn 333 Dollar pro Kilogramm. Die diesjährige Anpflanzung gespendeten Weizensaatguts wird insgesamt nur 266 Dollar einbringen. Das sei nicht genug, um seine 16-köpfige Familie zu ernähren, sagt er düster. "Wenn die Regierung und die Welt ihre Versprechen nicht halten, müssen wir wieder Opium anbauen."

Dörfer, die traditionellerweise Opium anbauen, sind ebenso abhängig von der Pflanze wie die Süchtigen, die sich Heroin spritzen. Die Einzigartigkeit des Mohns – keine andere Pflanze wächst so leicht und bringt so viel Geld – führt dazu, dass ganze Dörfer sich um ihn herum organisieren. "Es geht darum, eine Wirtschaft aufzubauen, die nicht auf Opium gegründet ist", sagt Michael Kleinman von CARE. Daher Afghanistans neuestes Modewort: alternative Lebensunterhalte. Die USA stellen 150 Millionen Dollar für Projekte zur Verfügung, in denen Bauern beispielsweise Rosen zu Rosenöl verarbeiten. Die deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) hat 40 Frauen in Kandiba das Nähen gelehrt, in der Hoffnung, sie könnten dadurch etwas zum Familieneinkommen beitragen. Unter den Initiativen der Hilfsorganisation Relief International gibt es Fischereiprojekte sowie Gewächshäuser, in denen Bauern Pflanzen außerhalb der Saison anbauen können.

Ungefähr 100 Meilen entfernt von Kandiba zeigt eine andere Gruppe von Bauern, dass manche Afghanen ihr Schicksal in die Hände einer Macht legen, die höher steht als irgendein menschlicher Plan. Im sanften Sonnenlicht eines späten Nachmittags sind die Bauern von Saheb damit beschäftigt, ihre Mohnpflanzen aufzutrennen; eifrig zeigen sie einem Besucher die blassen Wedel junger Pflanzen, die sie in Hälften brechen, um den scharfen, milchigen Opiumsaft die Stengel herunterlaufen zu lassen. Nur wenige Meilen von der felsigen Bergstraße zwischen Kabul und Dschalalabad entfernt, ist das Dorf ein recht wahrscheinliches Ziel der Erntevernichtungskommandos. Basarmal, ein 19 Jahre alter Mann mit lachenden Augen, erklärt seine Überlebensstrategie: "Allah wird für uns sorgen."

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Aus dem Englischen von Matthias Oppermann