Bevor sie das Treibhaus betreten, ziehen die Wissenschaftler sterile Schutzkleidung aus hauchdünnem Plastik über, waschen ihre Hände. Dann waten sie durch ein Becken mit Desinfektionsmitteln. Eine Klimaanlage hält die Temperatur bei exakt 34 Grad, Luftfilter schützen das Grünzeug vor Schädlingen. In den Pflänzchen keimt die Hoffnung der Forscher. Mit Eingriffen ins Erbgut wollen sie Gewächse auf Hochleistung trimmen: zellulosereichere Eukalyptusbäume, aromatischere Orangen oder schädlingsresistentes Zuckerrohr. Die Pflanzen sollen den Bauern nutzen – und Votorantim viel Geld einbringen. Die größte brasilianische Unternehmensgruppe gründete im Jahr 2002 im südbrasilianischen Campinas die Alellyx-Labors. Zehn Millionen Dollar investiert die Firma jedes Jahr in Bio-Tech-Forschung.

"Das Kapital sucht jetzt die brasilianische Wissenschaft", sagt Fernando Reinach. Er war bis vor wenigen Jahren Professor für Biochemie an der Universität São Paulo, nun ist er Direktor von Votorantim Ventures. Reinach gilt in Brasilien als typischer Vermittler zwischen Grundlagenforschung und Privatwirtschaft. Er gehörte zu einer Forschergruppe aus São Paulo, die erstmals das Genom eines Orangenbaumschädlings entzifferte und damit auf die Titelseite der Fachzeitschrift Nature gelangte – für brasilianische Forscher eine Premiere zur Jahrtausendwende. "Das hat das Selbstbewusstsein einer ganzen Wissenschaftlergeneration beeinflusst. Immerhin waren wir die Ersten, die den genetischen Code eines Pflanzenschädlings geknackt haben", blickt Reinach stolz zurück.

Der wissenschaftliche Aufschwung hat inzwischen nicht nur die Agroforschung Brasiliens erfasst. Zwar wird das größte lateinamerikanische Land immer noch mit Fußball, hübschen Mulattinnen und Karneval identifiziert, aber Brasilien gewinnt auch technologisches Profil und ist längst kein Agrarstaat mehr. So gehört der Flugzeughersteller Embraer, der zweitgrößte Exporteur des Landes, zu den weltweit führenden Produzenten von Regionalflugzeugen. Auch in bestimmten Sparten der Biotechnik oder der Herzchirurgie können Brasilianer in der Oberliga mitspielen.

"Schlüssel unseres wirtschaftlichen Fortschritts ist die Investition in Forschung", sagt Maria do Carmo Marrara, Abteilungsleiterin im Ministerium für Wissenschaft und Technik. Drei Milliarden Dollar steckt der Staat jährlich in Universitäten und Forschungsinstitute, Tendenz steigend. Erste Erfolge zeichnen sich ab. So hat sich die Zahl der Veröffentlichungen brasilianischer Forscher in internationalen Fachzeitschriften zwischen 1985 und 1999 verdreifacht. Brasilien ist zu den 25 forschungsstärksten Nationen aufgerückt. In der medizinischen Biotechnik hätten brasilianische Wissenschaftler ihre Veröffentlichungen "in beeindruckender Weise gesteigert", lobt das Fachblatt Nature Biotechnology , mehrere Forschergruppen erfüllten höchstes internationales Niveau.

Etwa die Hälfte aller brasilianischen Veröffentlichungen stammt aus dem Bundesstaat São Paulo. Schwerpunkt ist hier die Agroforschung. Dort begann auch die Entschlüsselung des Genoms von Xylella fastidiosa . Der Schädling verstopft im Stamm von Orangenbäumen die wasserführenden Gefäße, die Bäume sterben ab. Der jährliche Schaden liegt weit über 100 Millionen Dollar. Die nun vorliegende Genomsequenz ermöglicht es der Industrie, neue Bekämpfungsmittel zu entwickeln.

Fernando Reinach erreicht sein Büro in dem modernen Laborkomplex über eine Art Brücke. Unter ihm tüfteln an langen Tischen, ausgestattet mit Computern und Reagenzgläsern, etwa 100 Alellyx-Forscher an gentechnisch optimierten Pflanzen. Die Geldgeber von Votorantim erhoffen sich eine Stärkung ihrer eigenen landwirtschaftlichen Betriebe. So ist die Unternehmensgruppe führend in der Herstellung von Alkohol aus Zuckerrohr. Er dient in großen Mengen als Sprit für brasilianische Autos.

Auf der Versuchsfarm für die neuen Gen-TechPflanzen steht seit kurzem ein drei Meter hoher Zaun aus schwarzem Plastik um die Gewächshäuser – eine staatliche Vorschrift, damit keine Pollen in benachbarte Felder fliegen. Die Forscher haben keine Bedenken, dass Menschen durch ihre genmanipulierten Pflanzen zu Schaden kommen könnten. Im Gegenteil: "Wenn wir ein für Insekten schädliches Toxin in die Pflanze einbauen, müssen wir die Felder nicht mit Gift besprühen – und das ist doch viel gesünder", sagt Paulo Arruda, Professor für Genetik an der Universität Campinas. Die Panik der Europäer vor transgenen Lebensmitteln könne er nur schwer nachvollziehen.

Solche Ängste hatte auch Johanna Döbereiner nicht, die in Tschechien geborene "Mutter" der brasilianischen Agroforschung. Nach einem Landwirtschaftsstudium in München zog sie mit ihrem deutschen Mann 1950 nach Brasilien und hatte sich am Nationalen Zentrum für agrobiologische Forschung in Rio de Janeiro mit Untersuchungen an stickstofffixierenden Bakterien profiliert. 1997 wurde die inzwischen verstorbene Agronomin für den Chemie-Nobelpreis vorgeschlagen.