Schulen vergeben Zeugnisse, sie selbst werden niemals bewertet. Lehrer begutachten Klassenarbeiten. Ungern jedoch lassen sie sich bei der Arbeit zuschauen. So ist das in Deutschland, und so war das in der Halepaghen-Schule im niedersächsischen Buxtehude. Bis heute. Heute kommen die Inspektoren.

Sie kommen zu dritt: ein Regierungsschuldirektor, ein Oberstudiendirektor, ein Ministerialrat, drei Herren reiferen Alters mit dicken Ordnern und Laptops. Sie waren selbst einmal Lehrer. Jetzt sind sie da, um Lehrer zu prüfen. Sie werden mit der Schulleitung sprechen, Eltern fragen, ob ihre Kinder gern in den Unterricht gehen, Schüler, ob sie sich fair behandelt fühlen. Jedem zweiten Pädagogen werden sie beim Unterrichten über die Schulter sehen. Gestern haben sie sich das äußere Gesicht der Schule angeschaut: Gänge, Wände, die Turnhalle. Bis in die Toiletten sind sie vorgedrungen, um zu prüfen, ob sie sauber sind. Heute werden sie ins Innere vorstoßen. "Stark", "eher stark als schwach", "eher schwach als stark", "schwach" heißen die Zensuren, die später im Gutachten der Schule auftauchen werden. Von "stark" über "eher stark" bis "schwach" wird der Takt der nächsten drei Tage gehen.

Die Schulleitung. Es ist Dienstag, 7.55 Uhr. Während Schüler aller Altersstufen in die Klassenräume drängen, sitzt die Leitung der Halepaghen-Schule im großen Besprechungsraum neben der Bibliothek. Wie in der ersten Unterrichtsstunde nach den Ferien, wenn der neue Lehrer die Schülernamen noch nicht kennt, hat jeder ein Schild vor sich. Der Einzige mit Anzug und Krawatte in der Lehrerrunde ergreift das Wort. Er heißt Hans-Jürgen von Maercker und ist der Schulleiter. Und wie es sich für einen Geschichtslehrer gehört, beginnt er ganz am Anfang. Er spricht von der Lateinschule des Mittelalters und über das Realgymnasium zur 68er-Zeit, als Rudi Dutschke in der Aula redete und im so genannten Buxtehuder Modell ausprobiert wurde, was später die reformierte Oberstufe sein sollte. "Wir versuchen, Tradition und Innovation zu verbinden", sagt er, und verhaltener Stolz spiegelt sich in den Gesichtern der Lehrer.

Sie haben sich selbst zur Inspektion gemeldet, wie alle Schulen in der Erprobungsphase des niedersächsischen Schul-TÜV. Wenn man Schulen kontrollieren will, beginnt man am besten bei den guten, das mindert die Angst bei den anderen. So lautete das Kalkül im Kultusministerium in Hannover. Dass sie es nicht mit einem Problemfall zu tun haben, wissen die Inspektoren spätestens, seitdem sie den Ordner über die Halepaghen-Schule durchgearbeitet haben: 800 Seiten Papier mit sämtlichen wichtigen Zahlen und Dokumenten, die über das Gymnasium existieren. Die Sitzenbleiberquote liegt unter dem Landesdurchschnitt, die ausgefallenen Unterrichtsstunden halten sich in Grenzen. Ausschnitte aus der Lokalpresse dokumentieren Preise von "Jugend forscht" bis zur Mathematik-Olympiade. Bildungsbewusste Kleinstadtbürger schicken ihre Kinder auf die Schule und helfen gern, wenn die Lehrer rufen. Was der Schule fehlt, finanziert ein Förderverein, der Ausländeranteil liegt bei drei Prozent. Die Halepaghen-Lehrer können sich auf das Kerngeschäft jedes Pädagogen konzentrieren: den Unterricht.

"Was weiß die Schulleitung über die Qualität des Unterrichts?", fragt Inspektor Werner Wilken. Der Direktor, der bisher jede Frage exakt beantwortet, gerät zum ersten Mal ins Stocken. Er erzählt etwas von "anlassbezogenen Beurteilungen" und "was einem Eltern so erzählen". Zudem habe er die Möglichkeit, im Unterricht zu hospitieren.

Inspektor: "Tun Sie das?"