Wenn wir annehmen, dass das Leben ein Rätsel ist, das uns wer auch immer aufgeben hat, ist die Lösung ganz einfach: Die Lösung ist der Mensch. Darüber kann man streiten. Es ist jedoch noch gar nicht lange her, da wurden aus solchen Weisheiten die besten Romane gemacht.

Der Roman Das Leben des Antoine B. wurde geschrieben in einer Zeit, in der man an das Glück aus dem gesellschaftlichen Reagenzglas noch glaubte. Sein Autor Paul Nizan, 1905 in Tours geboren, 1940 bei Dünkirchen gefallen, Mitglied der französischen KP, Freund und Weggefährte von Jean-Paul Sartre, erzählt darin die Lebensgeschichte seines 1864 geborenen Vaters, eines braven Knechts der französischen Industrialisierung, eines anspruchslosen Mannes, der arbeitete, einen Sohn zeugte, dem Maschinenzeitalter seine Seele verkaufte und starb, ohne von der schönen Idee der Selbstverwirklichung etwas gehört zu haben. Die kam erst etwas später groß in Mode, hatte ein kurzes, abenteuerliches Leben, bevor sie wieder vereinnahmt, kommerzialisiert oder, soweit hier und da noch immer in Privatbesitz, ridikülisiert wurde.

Der Roman Nizans, den er 1933 28-jährig veröffentlichte, ist gekennzeichnet von der hellen Empörung, die die Söhne gegenüber dem arbeitsamen Stumpfsinn der ersten Wirtschaftswundergeneration empfanden. Ein Vorgang, der sich einen Weltkrieg später bei den Nachkommen der zweiten Wirtschaftswundergeneration wiederholen sollte, deren Erzeuger ebenfalls zwischen Lebenssinn und materiellen Fortschritt nichts als ein schnörkelloses Gleichheitszeichen setzten.

Die Züge des Toten zeigen Enttäuschung, Hochmut, Verachtung

Die Wiederauflage des von Gerda Scheffel mit spröder Eleganz übersetzten Romans erinnert uns daran, dass an dieser Gleichung vom ersten Augenblick an etwas nicht stimmte und bis heute nicht stimmt. Nizan und seine Epoche der Befreiungsideologien fühlten sich verantwortlich für die groß angelegte Frage nach dem Lebenssinn, zu der uns bis heute nichts Besseres eingefallen ist, als sie ins Belieben zu stellen, in die Hobbyecke, ganztagsbetreut von der Medien- und Freizeitindustrie. Nizan hingegen dachte groß vom Menschen. Er wollte wissen, wozu der mit allen irdischen Gütern versorgte Bürger sonst noch auf der Welt ist. Wozu außer zum Reich- und Satt- und Vollbeschäftigtsein wir taugen. Fragen, die sich nicht deswegen erledigt haben, weil sie niemand beantworten kann. Aus diesem Grund wird jeder, der noch immer wissen will, welche Ziele dem Menschen gemäß sind außer denen, dass die Flugzeuge fliegen, die Verbraucher verbrauchen und jede Stunde pünktlich ein Intercity von Köln nach Frankfurt fährt, diesen rund 70 Jahre alten großartigen Roman mit unverminderter Spannung lesen.

Das Buch beginnt mit dem Tod des Titelhelden, der sein Scheitern besiegelt. Der Tote liegt mit herabhängender Unterlippe auf dem Ehebett, seine Züge zeigen Enttäuschung, Hochmut und Verachtung. Antoine Bloyé ist 62 Jahre alt und beinahe mit jedem Jahr unglücklicher geworden. Der Roman ist die nachgereichte, vor zorniger Nüchternheit nur so knisternde Chronik dieses Unglücks: ein Gesellschaftsroman über einen sozialen Typus, in der französischen Tradition des großen realistischen Epochenromans.

Antoine Bloyé hat sein Leben der Eisenbahn geschenkt, ein Aufsteiger aus der Arbeiterschicht ist er gewesen, Eisenbahningenieur, Führungsperson, höherer Angestellter. Die Dampfkraft war erfunden und verlangte einen neuen Menschen: l’homme machine, der Maschinenmensch löste den alten, den von der Natur, den Jahreszeiten abhängigen Menschen ab. Die großen Eliteschulen bildeten das hoch spezialisierte Maschinenfutter aus. Plötzlich hatte jeder Bauernsohn die Chance, in seiner Schulmappe das Diplom eines Bourgeois nach Hause zu tragen. Die Bärte der Bürgermeister, schreibt Nizan, wurden in diesen Jahren immer länger. Alles wurde immer besser. Nur das Leben verlor seine Würze.

Antoine hat irgendeine Frau geheiratet, mit der er die Beschränktheit seiner Perspektiven teilt. Liebe, behauptet Nizan, kann es unter industrialisierten Menschen nicht geben, denn Liebe würde Geduld erfordern, Gegenwärtigkeit, gemeinsame Ziele. Die Dienstleistungspersönlichkeit hingegen entschädigt sich für ihre Gefühlskälte mit dem kurzweiligen, beliebig wiederholbaren Imitat großer Leidenschaften, auf die eine lebenslange Liebesresignation, eine "kümmerliche Komplizenschaft" der Eheleute folgt. Im Übrigen hat man zu arbeiten, "die Watte des bürgerlichen Lebens" (in Walter Benjamins Passagenwerk war das allgegenwärtige "Futteral" neben den Eisenkonstruktionen das zentrale Sinnbild des 19. Jahrhunderts) schluckt jeden großen Schmerz. Antoine, heißt es, sei kein grübelnder Mensch, hängt selten weitreichenden Gedanken nach. Antoine "weiß, dass er sich nicht selbst an seinem Leben rächen wird". Er führt sein Eisenbahndepot, prüft Akten, sorgt für den reibungslosen Schienenverkehr. Die Jahre ziehen dahin "wie ankerlose Schiffe, die der Strom mit sich reißt".

Ein selbstgefälliges, behäbiges Leben, von dem eine desillusionierte literarische Avantgarde heutzutage manchmal wieder träumt. Familie, Fahrpläne, Abende im Garten, Spalierobst, Sonnenblumenbeete, Nachbarschaftsgespräche über Pfeifenstrauchhecken hinweg. Das unverwüstliche Feierabendglück des eindimensionalen Menschen. Im Namen welcher Eigentlichkeit soll das alles nichts taugen?

Nizan ist ein engagierter und politisch denkender Autor, für den Intellektualität und schöne Literatur nicht in zwei hoch spezialisierte Sparten zerfallen. Er will das Leben folglich nicht nur beschreiben, er will es verstehen und verbessern. Diesem kühnen Anliegen verdankt das Buch eine Fülle von auktorialen, kommentierenden Passagen, die an essayistischem Scharfsinn nichts vermissen lassen. Nizan benennt drei grundlegende Versäumnisse, die seiner entschiedenen Ansicht nach schuld daran sind, dass der Mensch des Industriezeitalters sich mit jedem Tag seines Lebens weiter von sich selbst entfernt. Das erste Versäumnis ist eine historische Utopie, der Nizan sein kurzes Leben geweiht hat (oder beinahe geweiht hat, denn wenige Monate vor seinem Tod ist er, angewidert vom Hitler-Stalin-Pakt, aus der kommunistischen Partei ausgetreten). Die Utopie besagt, dass der Mensch sich nicht ungestraft von der Arbeiterklasse entfernt, sondern umgekehrt erst durch seine Wurzeln im Unterbau zur Blüte kommt und bei Zuwiderhandlung vertrocknet wie eine abgerissene Blume. Eine intellektuelle Glorifizierung der Unterschicht, die inzwischen vielleicht zu Unrecht eine komfortable Ruhestätte auf dem Friedhof ausgedienter Menschheitsideen gefunden hat.

Das zweite Versäumnis ist der Verlust unserer eingeborenen Naturverbundenheit, das mit höchster Gefahr für Leib und Seele bezahlt wird. Ein damals bei den Lebensreformern auflodernder, heute allenfalls noch bei ein paar Alt-Grünen nachflackernder Glaube, der, verachtet von der urbanen Intelligenz, inzwischen in der Esoterik ein unwürdiges Asyl gefunden hat. In jeder, zumindest in jeder noch unverkabelten Kindheit, so die ungesicherte Vermutung dieses Romans, scheint etwas auf vom ganz großen Zusammenhang zwischen Mensch und Kosmos, einem kleinen Jungen und den roten Stengeln des Buchweizens, einem kleinen Mädchen und den im Herbst ins Gras fallenden Äpfeln. "Wie", fragt sich der alte Antoine in den wenigen Wochen des Urlaubs vom Maschinenzeitalter, "wie konnte man überhaupt an etwas anderes denken als an Tiere, an Feldbau, ans Meer?" Die Antwort steht in den Dienstplänen.