Alles verstehen, heißt alles verzeihen. So sagt es der Volksmund. Ob das stimmt, lässt sich aber erst prüfen, wenn gesichert ist, dass man alles versteht. Ich verstehe zum Beispiel manches nicht – anderes wieder schon. Aber manchmal passt das, was ich verstehe, nicht zusammen mit anderem, das ich dann nicht verstehe.Ich habe zum Beispiel verstanden, weshalb Bundeskanzler Helmut Schmidt 1982 der Ansicht war, er könne mit seiner SPD-Fraktion im Grunde nicht weiterregieren. Ich habe auch verstanden, weshalb er dies nur in einer Fraktionssitzung gesagt hat – und im Übrigen dafür sorgte, dass die Schuld am Zusammenbruch der damaligen sozial-liberalen Koalition auf das Konto von Hans-Dietrich Genscher und das der Liberalen gebucht wurde; er wollte halt seiner historisch verwurzelten Partei einen letzten Dienst tun. Den allerletzten Dienst hat er ihr freilich verweigert: Er hat bei den vorgezogenen Bundestagswahlen 1983 nicht mehr als Spitzenkandidat für die Genossen zur Verfügung gestanden. Dafür gab es viele höchst persönliche, höchst zwingende Gründe – aber auch den, dass er es sich nicht zumuten wollte, für seine Partei zu kandidieren, die ihn doch in vielen wichtigen Fragen längst nicht mehr unterstützten wollte.Vergleicht man die Situation von 1982/1983 mit der von heute, so gibt es bezeichnende Ähnlichkeiten, aber auch deutliche Unterschiede. Sowohl Helmut Schmidt als auch Gerhard Schröder kamen zu dem Ergebnis, dass sie die Hauptstoßrichtung ihrer Politik nicht mit der vollen Unterstützung ihrer eigenen Partei weiterführen könnten. Das kann ich verstehen… Anders als Helmut Schmidt hat Gerhard Schröder dies sogar im Plenum des Deutschen Bundestages unmissverständlich ausgesprochen. Auch das kann ich verstehen… Doch nun will er eben für die Partei, mit deren voller Unterstützung er nicht mehr rechnen kann, als Spitzenkandidat in den Wahlkampf ziehen, sie also insgesamt (oder: in dem, was davon übrig geblieben ist) voll unterstützen.Das kann ich nur schwer verstehen – aber gut verzeihen.