DIE ZEIT: Herr Schoeller, vor kurzem haben Sie Donald Rumsfeld im Pentagon fotografiert. Der Mann schaut sehr ernst auf Ihrem Bild.

Martin Schoeller: Ich habe mir an dem Tag den einzigen Anzug, den ich besitze, angezogen, Rumsfeld hat mich trotzdem als politischen Gegner identifiziert. Muss an meinen Dreadlocks liegen. Jedenfalls sagte er: "Sie werden mich nur lächelnd sehen. Ich weiß doch, wie ihr mich zeigen wollt." Er lächelte wirklich nonstop, also habe ich ihn so lange fotografiert, bis seine Lachmuskeln für eine Sekunde lang versagten. Das war der perfekte Moment. Jack Nicholson hingegen war sehr freundlich, das Problem war nur, dass er mit einer roten Clownsnase auftauchte. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich ihn davon überzeugen konnte, sie abzunehmen.

ZEIT: Sie sind heute Hausfotograf der Zeitschrift New Yorker, Nachfolger des legendären Richard Avedon. Bekannt geworden sind Sie durch Ihre spektakulären Nahaufnahmen Prominenter.

Schoeller: AvedonsArbeit hat mir Mut gemacht. Bei ihm ging es nie darum, wie die Prominenten seine Bilder finden. Es ging Avedon darum, dass er die Bilder mochte. Ich möchte die Porträtfotografie auf den Boden der Realität zurückbringen. Prominente sind in Magazinen oft bis zur Unkenntlichkeit retuschiert. Ich benutze zur Ausleuchtung Neonröhren, die Tageslicht haben. Dadurch stechen die Augen hervor, und man hat das Gefühl, ein Gesicht so zu sehen, wie man es nie zuvor gesehen hat. Habe ich mir vom Film abgeschaut. Die Röhren zeichnen ein weicheres Licht als Blitzlichter.

ZEIT: Man sieht wirklich viel in Ihren Bildern, Poren, Äderchen, Haarstoppeln. Muss das sein?

Schoeller: Ich arbeite oft mit Prominenten, die sind geradezu besessen von ihrem Image. Sie lächeln, sie posen, zeigen ihre Schokoladenseite. Ich versuche, wenigstens für einen Moment diese Panzerung zu durchdringen, nicht nur bei den Nahaufnahmen. Ich scheitere übrigens oft. Der Schauspieler Steve Buscemi hat zum Beispiel mein Porträt nicht zur Veröffentlichung freigegeben.

ZEIT: Sie haben zu jeder Fotoproduktion einen Kassettenrecorder mit Musik dabei, die, wie Sie hoffen, den Prominenten gefällt.