Das Projektil wiegt 372 Kilo und rast zwölfmal so schnell wie eine Gewehrkugel durchs All: Mit 37000 km/h soll es am frühen Morgen des 4. Juli auf sein himmlisches Ziel donnern, das etwa halb so groß ist wie Manhattan. Pünktlich zum amerikanischen Unabhängigkeitstag wird dabei ein Krater gerissen, in den mindestens ein kleines Haus passen dürfte, womöglich auch ein Fußballstadion. Vielleicht ist die Wucht des Zusammenstoßes sogar so stark, dass der getroffene Komet auseinander platzt. Dann wäre der filmreife Volltreffer perfekt.

Die Meldungen der Nasa lesen sich jedenfalls wie die Ankündigung eines Katastrophenfilms aus Hollywood. Tatsächlich wurden die Pläne von der Albtraumfabrik inspiriert. Die schickte in den neunziger Jahren gleich zweimal Kino-Kometen auf Kollisionskurs mit der Erde. Armageddon hieß der eine Film, Deep Impact der andere. Und Deep Impact – Comet Encounter heißt auch die Nasa-Mission, die am 4. Juli ihr spektakuläres Finale ansteuert. Der ein Meter lange und breite Impactor wird dann, 134 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, in den Kometen Temple 1 krachen. Das vorbeifliegende Mutterschiff von Impactor fotografiert und analysiert dabei aus 500 Kilometern Entfernung den Krater und das "Ejakulat", das herausgeschleudert wird. Forschungsleiter Michael A’Hearn hofft auf "die spektakulärsten Daten in der Geschichte der Kometenwissenschaft".

Aber darf man für die Wissenschaft und Eigenreklame zerstören, was man untersuchen will? Kein Problem, findet die Nasa. Kometen gebe es "im Überfluss", ihre Lebenszeit sei sowieso "begrenzt". "Deep Impact verstößt gegen den Geist des Weltraumvertrags", hält Stephan Hobe dagegen, Leiter des Instituts für Luft- und Weltraumrecht an der Universität Köln. 98 Staaten, darunter auch die USA, hatten sich 1967 verpflichtet, All und Himmelskörper friedlich zu erforschen und vor "gefährlicher Verunreinigung" zu schützen.

"Für die Nasa ist der Weltraumvertrag kein Thema, die setzen sich manchmal einfach darüber hinweg", sagt Gerhard Schwehm, Abteilungsleiter für planetare Missionen bei der europäischen Raumfahrtagentur Esa. Die "brutale Gewalt", mit der bei Deep Impact Kometenforschung betrieben werde, sei vor allem eine Folge leerer Kassen. Mit 330 Millionen Dollar kostet die US-Kometenkollision nur ein Viertel der europäischen Rosetta- Sonde, die Anfang 2004 gestartet ist und Ende 2014 ein kleines Forschungslabor sanft auf dem Kometen Churyumov-Gerasimenko absetzen soll.

Was könnte die Menschheit gegen einen Kometen auf Kollisionskurs tun?

Ein knappes Dutzend Satelliten hat in den vergangenen 20 Jahren Kurs auf Schweifsterne genommen. Inzwischen weiß man, dass die unförmigen Kometenkerne mit Durchmessern zwischen einem und zehn Kilometern aus Eis, Gestein und Staub bestehen. Viele Millionen solch "schmutziger Schneebälle" umkreisen die Sonne außerhalb der Planetenbahnen. Nur selten wird ein Komet ins Innere des Sonnensystems gezogen. Dabei erwärmt er sich und bildet den typischen, bis zu 100 Millionen Kilometer langen Schweif. Woraus er genau besteht, kann im nächsten Jahr auf der Erde untersucht werden. Dann soll die Stardust- Sonde der Nasa mit vielen tausend Partikeln zurückkehren, die sie Anfang 2004 beim Flug durch den Schweif des Kometen Wild 2 eingefangen hat.

"Das wird interessanter als der Blick in den Krater von Temple 1", meint Esa-Forscher Schwehm. Ignorieren werden die Europäer den Kometen-Crash aber keineswegs. Gleich vier Instrumente an Bord ihrer Rosetta- Sonde nehmen ihn ins Visier. Schließlich ist Rosetta 50 Millionen Kilometer näher dran am Geschehen als die irdischen Fernrohre und hat freies Blickfeld. Mit bloßem Auge ist Temple 1 nicht zu erkennen, höchstens ein kurzer Blitz im Sternbild der Jungfrau wird vom Einschlag des kupfernen Projektils zeugen. Falls es überhaupt trifft. Als "enorme technische Herausforderung" beschreibt die Nasa den 431 Millionen Kilometer langen Flug zum Kometen. "Es ist so, als wollte man eine Kugel mit einer zweiten, hinterhergeschossenen treffen und den Zusammenstoß von einer dritten Kugel aus im Vorbeiflug fotografieren."

Der harte Kern von 50 bis 60 weltweit aktiven Kometenforschern kooperiert eng. "Wir sind ein kleiner Club, da tauscht man natürlich aus, was man weiß", sagt Rosetta-Projektmanager John Ellwood. Es geht dabei keineswegs nur um Erkenntnisse über exotische Himmelskörper. Womöglich bieten die Schweifsterne auch Erklärungen für manch irdisches Geheimnis. Kometeneinschläge sollen nicht nur zum Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren beigetragen, sondern schon sehr viel früher Wasser und vielleicht sogar erste Bausteine des Lebens auf die Erde gebracht haben.