Ministerpräsident Ariel Scharon will die israelischen Sidlungen im Gaza-Streifen auflösen. Doch der Protest der Siedler verschärft sich stetig. Einen Vorgeschmack auf den geplanten Abzug lieferten die Bilder, die am Mittwochabend in die israelischen Wohnzimmer drangen.

Vier Tage lang waren Armee und Polizei hilflos einer Gruppe von jungen Extremisten gegenübergestanden, die sich in einem palästinensischen Gebäude in der Nähe des Siedlungsblocks Gush Katif im Gazastreifen verbunkert hatten. Dann entschieden sie sich zum Angriff und nahmen die Belagerer fest, die sich mit den Sicherheitskräften wie auch mit den palästinensischen Nachbarn angelegt hatten. Einer der Soldaten versuchte, einen schon verletzten 16jährigen palästinensischen Jungen vor weiteren Steinwürfen der Siedler zu schützen. Den Zwischenfall bezeichnete Ministerpräsident Scharon später als "grausamen, vulgären und unverantwortlichen Akt". Solche Dinge müssten gestoppt werden. "Wir können nicht zulassen, dass eine kleine Gruppe von Gesetzesbrechern uns ein Regime des Terrors aufzwingt."

Die jüngste "Schlacht" in Gaza gilt als Auftakt der Räumung der Siedlungen, die am 15.August beginnen soll. Noch immer hoffen viele Siedler darauf, dass sich der Abzug doch noch in letzter Minute verhindern lässt. In den vergangenen Wochen strömten viele fanatische Siedler aus dem Westjordanland nach Gaza, um dort Widerstand zu leisten. Der Siedlerverband organisierte Straßenblockaden, die die israelischen Bürger "zum Überdenken" des Abzugsplans anregen sollten. Doch als am Mittwochabend Nägel und Öl auf der Autobahn entdeckt wurden, schlug die Stimmung in weiten Kreisen der Öffentlichkeit um und richtet sich nun gegen die Siedler. Je näher das Abzugsdatum rückt, desto verzweifelter wirkt nun deren Kampagne.

Die Anhänger der Siedler lassen sich schon von weitem erkennen. An den Antennen ihrer Autos flattern orangefarbene Bänder, andere tragen gleichfarbige T-Shirts oder Stirnbänder. Wer hingegen für den Abzug ist, trägt ein blaues oder blau-weißes Band. Die orangefarbenen Bänder werden an Straßenkreuzungen verteilt, sie werden von engagierten Aktivisten auch am Strand oder im Park angeboten. Ihre Strategie zielt weniger darauf, Mitgefühl für die Siedler zu schaffen, die ihre Häuser verlassen müssen, als vielmehr darauf, auf die möglichen politischen Konsequenzen eines Abzugs hinzuweisen. "Der Abzug wird Terror bringen", warnen die Plakate der Siedlerlobby.

Tatsächlich ist die Unterstützung für den Abzug aus Gaza in den letzten Wochen zurückgegangen. Waren zunächst zwei Drittel der Bevölkerung dafür, so steht heute
nur mehr eine knappe - überwiegend schweigende - Mehrheit dahinter. Das mag die geringe Anzahl von blauen Bändern erklären. Dieser Rückgang lässt sich durch das wachsende Chaos in den Palästinensergebieten erklären, wo es Präsident Mahmud Abbas trotz all seiner Versprechen nicht geschafft hat, "Recht und Ordnung" zu schaffen. Auf die Räumung des Gazastreifens wird außerdem kein Friedensabkommen folgen; es handelt sich vielmehr um einen einseitig konzipierten Schritt, der die Friktionsfläche zwischen Israelis und Palästinensern mindern soll.

Dass der Abzug jedoch in letzter Minute noch aufgehalten wird, scheint eher unwahrscheinlich. Scharon ist fest entschlossen, seine Truppen aus Gaza zurückzuziehen. Die Armee hat noch einige Wochen Zeit, sich taktisch auf die Evakuierung der Siedlungen vorzubereiten. Tausende Journalisten planen schon, wie sie die Ereignisse aus der Nähe verfolgen werden. Gewaltakte von Seiten der Siedler, wie sie in den letzten Tagen stattfanden, werden die Bevölkerung sicherlich nicht noch auf deren Seite ziehen.