Seine Olympiasiege über 1500 Meter liegen mehr als zwei Jahrzehnte zurück. Doch wenn Lord Sebastian Coe über Londons Chancen bei der Olympia-Wahl am Mittwoch in Singapur spricht, dann tut er es in der Diktion eines Mittelstreckenläufers. "Die ersten dreißig, vierzig Yards sind vor allem dazu da, zu beobachten. Dann bist du fähig, alle Möglichkeiten abzuwägen. Und dann kannst du den Endspurt zum richtigen Zeitpunkt ansetzen." Bei den Olympischen Spielen in Moskau 1980 und Los Angeles 1984 war Sebastian Coe im Finish unwiderstehlich. Als Leiter des Londoner Bewerbungskomitees ist er zuversichtlich, dass seine Stadt im Finale von Singapur den Rivalen Paris bezwingen kann.

London ist sehr langsam in das Rennen um die Spiele gegangen, "was ein wenig auch in der Natur unserer Nation liegt", sagt Sebastian Coe. Die Wende kam, als er vor gut einem Jahr die in den Vereinigten Staaten geborene Geschäftsfrau Barbara Cassani im Bewerbungs-Vorsitz ablöste. Nun hatte die Kandidatur ein Gesicht. Die Stimmung in London und im Land schlug um. So stark, dass Premierminister Tony Blair am Sonntag bei seiner Ankunft in Singapur behaupten konnte: "Ich bin hier, um zu zeigen, dass die Kandidatur eine enthusiastische Unterstützung hat, durch die Bevölkerung, alle Parteien und die Regierung."

Bevor Sebastian Coe Bewerbungschef wurde, hatte er sich vom Sportler zum Politiker gewandelt. Er errang für die Konservativen einen Sitz im Parlament, stieg in das House of Lords auf und war Kandidat für das Bürgermeisteramt Londons. Nun mischt er seine Erfahrungen einer ruhmreichen Sportkarriere mit zwanzig Jahren Wirken in der Politik, was so viel heißt wie: Aggressiv sein, sich für ein Ziel total einsetzen, taktieren, in den Botschaften verbindlich sein.

"Im letzten Halbjahr war ich nicht länger als zwei, drei Tage am Stück zu Hause", sagt Sebastian Coe. Alle 116 IOC-Mitglieder hat der 48-Jährige bei seinen Reisen um die Welt mindestens einmal gesprochen. In Begleitung von Blair, der ihn "Seb" nennt, will er bis zur Abreise des Premiers am Dienstag zwei Dutzend Gespräche mit einflussreichen Olympiern führen - und weiß dennoch, dass die Stimmen unkalkulierbar sind. "Um ehrlich zu sein, niemand kann voraussagen, wie die Abstimmung ausgeht."

Doch geht Sebastian Coe mit der Überzeugung eines Athleten in das Wahlfinale, sich so gut wie möglich vorbereitet zu haben. Und wenn dann der Traum wahr wird, die Olympischen Spiele zum dritten Mal nach 1908 und 1948 nach London zu holen, "dann wäre es das Größte, was ich je erreicht hätte, größer als meine Olympiasiege. Die Auswirkungen wären ungemein. Wir könnten eine Nation durch Sport erneuern."