In amerikanischen Nachrichtenredaktionen herrscht Verunsicherung. Der Quellenschutz für anonyme Informanten steht in Frage, investigativer Journalismus folglich auch. Dazu übt die Bush-Regierung starken Druck auf die Berichterstattung der Medien aus. Steht es schlecht um die Pressefreiheit im " land of the free "?

Nach Angaben der Organisation Reporters Committee for Freedom of the Press (RCFP) sind über zwanzig Journalisten in den Vereinigten Staaten von Haftstrafen bedroht, weil sie sich weigern, vor Gerichten oder Untersuchungskommissionen auszusagen. Prominentestes Beispiel sind Matthew Cooper vom Time Magazine und New York Times -Reporterin Judith Miller. Sie verantworten sich gerade vor Gericht, weil sie ihre anonymen Quellen nicht preisgeben wollen. Vor zwei Jahren gingen die beiden Journalisten der Frage nach, ob Regierungsbeamte die Identität der CIA-Agentin Valerie Plame gelüftet hatten , um deren Ehemann zu schaden. Jener Joseph Wilson hatte als ehemaliger Botschafter Beweise der amerikanischen Regierung öffentlich angezweifelt, nach denen Irak in Niger versucht habe, Uran zu kaufen.

Cooper und Miller griffen die Geschichte des Kolumnisten Robert Novak der konservativen Chicago Sun-Times auf, der sich in seiner Enttarnung Plames auf ungenannte Mitarbeiter der Bush-Regierung berief. Da die Enttarnung von Agenten in den USA hart bestraft wird, wurden die recherchierenden Journalisten vorgeladen. Unter anderem sollten sie ihre Quellen preisgeben. Miller verweigerte vor Gericht die Aussage mit Hinweis auf den Informantenschutz – und wurde nun wegen Missachtung in Beugehaft genommen. Matthew Cooper will nun mit dem Gericht kooperieren, seine Quelle habe ihn vom vereinbarten Stillschweigeversprechen entbunden . Time übergab dem Gericht zuvor die Reporternotizen des Reporters. Diese könnten der Geschichte einen neuen Dreh geben: Newsweek will herausgefunden haben, dass der Präsidentenberater Karl Rove eine der anonymen Quellen ist .

Die Weitergabe staatsrechtlich geschützter Informationen ist gesetzeswidrig. Ist es aber auch der Empfang solcher Informationen? Rechtlich gesehen ist die Situation nicht eindeutig. In 31 Bundesstaaten wird der Informantenschutz über sogenannte Shield Laws geregelt. Durch diese Gesetze werden Journalisten davor geschützt, vertrauliche Quellen offen legen zu müssen. Allerdings gibt es kein solches Gesetz auf Bundesebene.

Eine Ironie im Fall Plame ist, dass Judith Miller ihre Erkenntnisse gar nicht veröffentlichte. Seltsam ist auch, dass der Kolumnist Novak offenbar vor Gericht davon kommt, ohne seine Quellen nennen zu müssen. Er will sich erst nach Abschluss des Falls zu diesem Sachverhalt öffentlich äußern. Fallen solche Gerichtsentscheidungen möglicherweise entlang politischer Linien? Bernhard Debatin, Dozent für Theorie und Soziologie der öffentlichen Kommunikation an der Ohio-Universität, stellt dazu fest: "Innerhalb der Gerichtbarkeit gibt es einen Polarisierungsprozess, der politisiert ist"; gegenüber den Journalisten werde eine "Einschüchterungspolitik" verfolgt. Debatin vermutet, dass mit dem Fall Cooper/Miller ein Exempel an der schreibenden Zunft statuiert werden soll.

Eingriffe in die "vierte Gewalt"

Die Anzeichen, dass die Unabhängigkeit der Berichterstattung im Mutterland des investigativen Journalismus bröckelt, weisen über den Informantenschutz hinaus. Im Krieg gegen den Terror in Afghanistan und im Irak standen die Redaktionen zwar zunächst parallel in einer Linie, genannt Regierungslinie. Doch der Konformismus rührte aus der eigenen patriotischen Überzeugung, der Nation nicht mit Regierungskritik in den Rücken fallen zu wollen. Spätestens mit dem Präsidentschaftswahlkampf 2004 gaben die meisten Verlage und Journalisten diese Linie wieder auf.