Schmiergeld, Unterschleif, Prostitution – ein scheinbar herrlicher Sommerskandal hat sich bei VW aufgetan. Im ersten Akt haben zwei Manager und der Betriebsratschef die Bühne geräumt. Der zweite Akt: Schuldzuweisungen und Verschwörungstheorien. Dunkle »Kräfte«, so der neue Betriebsratschef, wollten »die Arbeitnehmervertretung schwächen«. Der dritte Akt: Es werden andere gehen müssen, womöglich auch der Held aus einem größeren Drama – der VW-Vorstand Peter Hartz, dessen Name auf ewig mit dem Umbau des deutschen Sozialstaates verbunden sein wird.

Schluss, Vorhang und miese Kritiken? Hören wir uns erst den Chor an, der im klassischen Theater das Sinnfällige deklamiert: Der Niedergang des Hauses VW geht einher mit dem Ende einer politischen Ära, die Krise des Konzerns zeigt auch den Widerwillen eines ganzen Landes, sich dem Wandel zu stellen. Wie VW hatte sich auch Deutschland in einem hübsch umzäunten Garten eingerichtet. Wer musste sich um Kosten kümmern, wenn man mit »Premium«-Modellen Premium-Preise verlangen konnte? Der Profit wuchs, die Verteilungsmasse auch – im Konzern wie im Land. Vorbei. Die »Billigheimer« bauen heute genauso gute, gar bessere Autos, und in Asien wie Osteuropa fordern die Arbeiter dafür nur einen Bruchteil des Lohnes. Folglich fehlt im Drama VW/Deutschland noch der kathartische Kraftakt, der nicht nur das Personal, sondern auch die Bühne umkrempeln müsste: ein System, das einst die Stärken des deutschen Sozialkapitalismus verkörperte, nun aber dessen Gebrechen dramatisiert.

VW, das Schmuckstück des westdeutschen Wirtschaftswunders, ist zum Lehrbeispiel verkommen. Schuld tragen nicht die Betriebsräte und Bosse – das sind bloß die mittelgroßen Fische. Der Hauptschuldige ist ein System, das zweierlei verhindert hat: Durchblick und Aufsicht auf der einen, die rasche Anpassung an den Weltmarkt auf der anderen Seite. VW siecht seit Jahren, 2004 schrieb das Stammhaus gar rote Zahlen. Der Chor fügt hinzu: Auch Deutschland hat seine Wachstumskraft verloren – seit zwanzig Jahren.

Aufsicht: Kapital, Staat und Betriebsrat haben sich nicht gegenseitig kontrolliert, sondern arrangiert. Der Sündenfall ist das »VW-Gesetz«, das die Firma weitgehend den Kräften des Marktes entzogen hat. Bis 1961 war der Käfer-Konzern Staatseigentum. Noch heute hält das Land Niedersachsen 20 Prozent der Aktien, und das Gesetz bestimmt: Kein Aktionär darf mehr als ein Fünftel der Stimmrechte raffen. Die Folge: Land und Arbeitnehmer können nicht majorisiert werden. Übernahme und Aktionärsrevolte sind unmöglich, egal, wie mager der Börsenwert inzwischen ist.

In einem solchen Schutzraum wächst naturgemäß die Macht des Betriebsrates. Man kabbelt sich, aber man kennt sich. Es herrscht, so der Ökonom Herbert Giersch, der Korporatismus: »die Solidarität derer, die sich gegenseitig kennen, und dies auf Märkten, die gegen anonyme Außenseiter und Aufsteiger geschützt sind«. Auf Deutsch: Krähen hacken einander nicht die Augen aus.

Anpassung: Wo man sich einig ist, einigt man sich am schnellsten auf den Status quo. Oder gegen die »Außenseiter«, wie zum Beispiel die EU-Kommission, die das VW-Gesetz als Sünde wider den freien Kapitalverkehr (und den Wettbewerb) verdammt. Oder man dealt: Du kriegst das, ich das. Sanierung? Der Stellenabbau träfe den Betriebsrat ins Mark. Also Outsourcing nach Osteuropa, wo Niedriglöhne die Konzernbilanz zu schönen helfen. Der Ex-Vorstandschef kauft für Milliarden Luxusmarken wie Bentley? Der Betriebsrat nörgelt, aber nickt ab; schließlich will er sich den Kuhhandel von morgen nicht verderben. Und die Aktionäre haben so wenig zu sagen wie draußen im Land die Arbeitslosen, die unter dem Tariflohn arbeiten würden.

Der Chor mahnt: VW ist nur das schärfste Abbild der Krise, weil hier auch noch der Staat mitmischt, dem »Konkurrenz« ein Fremdwort ist. Logischerweise landen bei VW auch Abgeordnete auf der payroll. Die Linie zieht sich in der Tat rückwärts von Mannesmann bis zur Neuen Heimat. Die fette Kommission für den Mannesmann-Verkauf an Vodafone hatten der Großbanker und der IG-Metall-Chef abgesegnet. Unerschüttert bleibt auch das Kartell von Aufsichtsrats-, Vorstands- und Betriebsratschef bei Daimler, egal, wie laut die Aktionäre murren.

Dass in einem solchen System Unterschleif blüht, hat wenig mit Personen und alles mit der »VEB VW«, dem prächtigsten Fossil der »Deutschland AG« zu tun. Das zeigt eine lange Latte von »Unregelmäßigkeiten« mit einem gemeinsamen Nenner: persönliche Bereicherung auf Kosten des Konzerns. Wo der Trog voll und unbeaufsichtigt ist, lässt’s sich gut saufen.