Da mögen die Kollegen Staatslenker noch so laut an Details herummäkeln. Der britische Premierminister Tony Blair hat es geschafft, die Ärmsten der Welt ganz oben auf die Agenda der Reichsten zu setzen. Trotz EU- und Irak-Krise, Klima- und Handelsstreit wird der dieswöchige G8-Gipfel im schottischen Gleneagles daran gemessen, was er für den verlorenen Kontinent Afrika tut. Und es sieht tatsächlich so aus, als wollten die Industrieländer den "Krieg gegen die Armut" aufnehmen. Die große Frage ist: Können sie ihn gewinnen?

Gemessen an der Vergangenheit, stehen die Chancen schlecht. Trotz Jahrzehnten intensiver Entwicklungshilfe sind die Afrikaner südlich der Sahara heute ärmer als vor vierzig Jahren, ihr Anteil am Welthandel hat sich in dreißig Jahren gedrittelt, und sie leben kürzer als vor zwanzig Jahren. Im Schnitt gerade noch 46 Jahre. Kein Wunder, dass angesichts dieses Armutszeugnisses in der Entwicklungshilfe zuletzt vor allem eine Haltung herrschte: Defätismus.

Alle Pointen in dieser Diskussion gehören daher den Warnern. Das Gutmenschentum im Norden habe dem Süden eine Hilfsmaschinerie beschert, die an den Nöten und Wünschen der armen Menschen vorbeiläuft, argumentieren sie. Das meiste Geld sei im Korruptionssumpf versunken, und viele schöne Schulen und Brunnen verrotteten ungenutzt.

Es stimmt, Afrika wäre besser dran ohne eine Entwicklungspolitik, die Übeltäter stützt und heimische Unternehmer vom Markt vertreibt. Wenn nichts herauskommt außer dieser Selbstbefriedigung für den Norden, ist sogar das moralische Argument dahin. Dann sollten sich die Industrieländer darauf beschränken, ihre Grenzen für Agrarprodukte und Textilien zu öffnen und die akuten Hungersnöte zu bekämpfen.

Bloß, so ist es nicht. Einerseits können sich die notleidendsten Länder gar nicht allein aus der Armutsfalle befreien. Andererseits lernen die Entwicklungshelfer langsam, wie es geht. Allen voran der New Yorker Ökonom Jeffrey Sachs, der das ehrgeizige Entwicklungsprojekt der Vereinten Nationen betreut. Seine Botschaft: Angesichts von drei Millionen toten Kleinkindern im Jahr und 350 Millionen Menschen mit weniger als einem Dollar Einkommen am Tag geht es nicht um hohe Ziele wie ausgeglichene Staatshaushalte, sondern ums Überleben. Malaria-Erreger und Aids-Viren bedrohen die Menschen ebenso wie Missernten. Und weil die Schulen nicht funktionieren, lernen die Menschen auch nicht, das Sterberisiko für sich und ihre Kinder gering zu halten.

Die Industrieländer können noch so hohe Schulden erlassen – viele Dörfer Afrikas brauchen erst einmal Medikamente und Gesundheitsaufklärung, Moskitonetze und einfache Methoden, um ihre Äcker fruchtbar zu halten. Sonst bleiben sie die Ausgestoßenen der Weltwirtschaft. Gut, dass sich Entwicklungsökonomen nicht mehr für oberschlau halten, sondern mit Naturwissenschaftlern arbeiten und darauf achten, den Egoismus von Helfern, Lehrern oder Ärzten in den einzelnen Dörfern zu steuern und die lokale Privatwirtschaft einzubinden, statt auszuschließen.