Berlin

Gerade mal sieben Monate ist es her, da saß Andrea Nahles im Café Einstein Unter den Linden und machte sich Mut. Immerhin, erzählte Nahles damals mit grimmiger Fröhlichkeit, sei sie Vorsitzende der SPD-Kommission zur Bürgerversicherung. Das sei doch auch schon etwas, dass sie als moderate Linke in der Agenda-Partei von Gerhard Schröder nicht zu einer kompletten Außenseiterin geworden sei. Seither ist einiges passiert. Die SPD hat die Wahl in Nordrhein-Westfalen verloren, der Bundestag hat dem Kanzler das Misstrauen ausgesprochen, und Nahles ist ins Zentrum ihrer Partei gerückt.

Sie hat sich nicht verändert. Ihre Partei hat sich verändert, im Zeitraffer, und vielleicht gilt das für die ganze Republik.

Andrea Nahles hat immer wohldosiert gegen die Führung opponiert, den Kanzler kritisiert, ohne ihn stürzen zu wollen. Sie sagt, sie habe ein aufgeräumtes Verhältnis zur Macht. In den vergangenen Jahren bewegte sie sich im Windschatten dieser Macht. Nun verflüchtigt sich die Macht gerade, Regierung und Partei sind mehr oder minder führungslos, und plötzlich sitzt Andrea Nahles selbst mit am Steuer. Aufregend ist das und auch beängstigend. Sie wirkt noch aufgedrehter als sonst. Sie wippt im Stuhl auf und ab, sie redet nicht nur mit den Händen, sie rudert und wedelt, als sei sie eine Politikdolmetscherin für Gebärdensprache. Sie schreibt ihre Reden noch immer auf Karteikarten im Zug vor, aber wenn sie dann den Saal betritt, klatschen die Leute neuerdings. Sie schüttelt ungläubig den Kopf. Die klatschen, sagt sie, und ich denke: Scheiße, die Erwartungshaltung hat sich verdreifacht.

Vor zwei Wochen ist sie 35 Jahre alt geworden, sie ist jetzt keine Jungsozialistin mehr, nach SPD-Maßstäben ist sie erwachsen. Sie spürt, dass sie nun anders vermessen wird. Mit den 35 Jahren hat das nichts zu tun, es liegt vor allem daran, dass ihre Partei in einer dramatischen Umbruchsituation steckt, vielleicht sogar in einer Existenzkrise. So tief ist die Krise, dass eine Außenseiterin, eine junge Frau ohne Regierungserfahrung zu einer von sehr wenigen Hoffnungen der deutschen Sozialdemokratie geworden ist. Dass das so ist, sagt einiges über die Stärken von Andrea Nahles und einiges über die Schwäche der SPD. Die Partei ist blank, personell und programmatisch.

1998 saß Nahles schon einmal im Bundestag. Die anderen jungen Abgeordneten gründeten das Netzwerk, das sich als pragmatisch, flügelübergreifend und daher modern verstand. Andrea Nahles war nicht dabei. Die Netzwerker durften mit dem Kanzler aufs Foto und zum Abendessen ins Kanzleramt. Andrea Nahles nannte Schröder die Abrissbirne sozialdemokratischer Politik und forderte seinen Kanzleramtsminister Bodo Hombach zum Rücktritt auf. Sie fand Schröders Politik falsch, sie konnte das Sozialdemokratische daran nicht entdecken.

Schön war das nicht damals, sagt sie, ich war der Paria der Fraktion.