Tiefrote Abenddämmerung liegt über Berlin, als die drei alten Männer aus dem Fernsehstudio zurückkehren. Einer stützt sich auf eine rollende Gehhilfe, die anderen haben den schleppenden Gang der über 70-Jährigen. Sie setzen sich in die Clubsessel des Warteraums, vierter Stock, Blick über die Spree. Einer der Männer hat gerade von Chaos gesprochen, einer von Heuchelei.

Gestritten haben sie nicht wirklich. Sie zünden Zigaretten, Zigarillos an, alles halb so wild.

Einen Tag vor der Vertrauensfrage erörtern beim Berliner Sender Phoenix Politgrößen das historische Ereignis: der Alt-Christdemokrat Rainer Barzel, der ehemalige SPD-Regierungssprecher Klaus Bölling, der Fernsehjournalist Friedrich Nowottny. Auch Genscher war da, ging aber gleich. Gegen euch Staatsmänner kann man nicht anstinken, frotzelt Nowottny jetzt, wenn ihr Luft holt, ist die Sendung fast rum. Bölling lästert über die SPD, es gibt da einige Leute, von denen er wenig hält. Barzel schweigt.

Seine Frau hat ihn aus München hierher begleitet, sie sitzt neben ihm, reicht Erdbeeren. Er ist ein Mann mit weißen Haaren, 81 Jahre alt. Er strahlt Milde aus, Melancholie. 1972 wäre er beinahe Kanzler geworden. Er hat versucht, Willy Brandt zu stürzen. Nur zwei Stimmen fehlten, mindestens eine war offenbar von der Stasi gekauft. Auch jenes Misstrauensvotum hat das Land aufgewühlt. Vielleicht ist dies der Grund, warum Barzel hier ist, warum so viele aus seiner Partei ihn sehen, mit ihm sprechen wollen - als könnte die von Schröder selbst herbeigeführte Niederlage das Scheitern Barzels, das Scheitern der CDU wiedergutmachen, das ihm sein Leben lang angehaftet ist.

Beeindruckt ihn der Mut Schröders? Die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen, wie Barzel selbst es damals tat? Ich habe Respekt, sagt er. Er schrieb einen Dankbrief an Schröder, dieser habe die Schatten von Weimar verjagt.

Barzel ist der, der vorhin von Chaos gesprochen hat, von einer Krise der Parteien. - Jetzt hören Sie aber auf!, hat Nowottny ihn zurechtgewiesen.

Barzel ist lange krank gewesen, er kann kaum laufen. Am nächsten Tag schiebt er seine Gehhilfe durch die Flure des Bundestags. Auf der VIP-Tribüne sitzt er neben Doris Schröder-Köpf, der er zum ersten Mal begegnet - Gerhard Schröder traf er schon. Das Hörgerät ist defekt - er hat Mühe, die Redner zu verstehen. Nach der Abstimmung nimmt er den Aufzug zum Fraktionssaal. Angela Merkel empfängt ihn an der Tür. Er hält eine kurze Rede. Er sagt: Es geht darum, Vertrauen zu gewinnen für die Demokratie. Alle klatschen. Die CDU hat vor allem Vertrauen gewonnen in sich selbst.