Aneta Gli°ska musste allein einen Sattelschlepper entladen und die Paletten mit einem Handroller in den Laden ziehen. Dabei brach die 21-Jährige zusammen. Fünf Tage später starb sie an Hirnblutung - laut Obduktionsbericht eine unmittelbare Folge von Überarbeitung. Sechs Wochen zuvor war die junge Frau in der Biedronka-Filiale in Ustka an der Ostsee als Kassiererin angestellt worden. Nach Angaben ihrer Mutter arbeitete sie täglich bis zu zwölf Stunden Pause - der Unfall passierte an einem Sonntag im August. Auch an jenem Tag musste sie arbeiten.

Die Geschichte der Verkäuferin Aneta und ihres damals einjährigen Sohnes Adrian wird bis heute in Polen erzählt. Sie bildet den Höhepunkt einer Reihe von Horrormeldungen aus dem boomenden Einzelhandel. Im Zentrum steht die Handelskette Biedronka der portugiesischen Jeronimo Martins Dystrybucja (JMD). Erst in der vergangenen Woche sind 100 Biedronka-Kassiererinnen wegen der Arbeitsbedingungen vor Gericht gezogen.

Ein lachender Maikäfer ziert die wegen ihrer Schleuderpreise bekannte Kette mit dem polnischen Namen, der sich für Einheimische so wohltuend von denen der deutschen, französischen und englischen Ketten abhebt. Mehr als 700 Filialen mit durchschnittlich 15 Angestellten gibt es in Polen. Täglich billig steht unter dem kindlich-naiven Logo. Die Frage ist nur, zu welchem Preis, sagt StanisIaw Gorczyca, Abgeordneter der liberalen Bürgerplattform aus Masuren. In Elblag (zu Deutsch: Elbling), wo er sein Büro unterhält, begann der Skandal. Verkäuferinnen hätten sich über unbezahlte Überstunden und unmenschliche Plackerei beklagt, sie seien bei einem Diebstahl kollektiv dafür verantwortlich gemacht worden, erzählt der Politiker. Ich konnte das zunächst einfach nicht glauben, immerhin leben wir am Anfang des 21.

Jahrhunderts, sagt er. Heute weiß er: Der Maikäfer ist zwar hübsch, aber giftig. Denn die sagenhafte Umsatzsteigerung der Kette geht offenbar einher mit einer schamlosen Ausbeutung der Angestellten und der wiederholten Übertretung des polnischen Arbeitsrechts. So sollen 2004 in 47 Prozent aller Biedronka-Filialen die Präsenzlisten der Angestellten gefälscht worden sein, berichtet die staatliche Arbeitsinspektion. Insider vermuten, dass die wahre Zahl viel höher ist.

Den Skandal ins Rollen gebracht hat Boz .ena Lopacka, eine Biedronka-Filialleiterin aus Elblag. Nach sechs Jahren Plackerei erstattete sie im März 2003 Anzeige gegen ihren Exarbeitgeber. Lopacka verlangte die Nachzahlung von 2600 Überstunden. In erster Instanz wurden ihr umgerechnet mehr als 8000 Euro zugebilligt, doch JMD legte Berufung ein. Manchmal habe sie 14, ja sogar 20 Stunden pro Tag gearbeitet, erzählt Lopacka.

Warenlieferungen mussten die Verkäuferinnen auch in Elblag eigenhändig ausladen, wobei sie ebenfalls dort nur kleine Rollwagen zu Hilfe nehmen konnten. Von ihrer Vorgesetzten sei Lopacka gezwungen worden, die Präsenzlisten der Verkäuferinnen so zu fälschen, dass keine Überstunden entstanden.

Arbeitslager nennt die 40-Jährige heute den Supermarkt an der Grundwald-Straße. Ein von ehemaligen Biedronka-Zulieferern im nahen Olsztyn/Allenstein gegründeter Verein namens Geschädigte von JMD hat sie rechtlich beraten. Nach ihren Talkshow-Auftritten ist Boz.ena Lopacka heute im ganzen Land bekannt. In Polen ist bereits die Rede von einem zweiten Lech WaIesa, einem WaIesa im Rock. Die ungelernte Verkäuferin mit ihrem gewinnenden Lächeln ist zu einem Symbol für die Opfer des polnischen Manchesterkapitalismus geworden. Allerdings sind Gewerkschaften im Einzelhandel in Polen noch ein Fremdwort. Selbst bei Tesco, wo die Gewerkschaft Solidarnoc seit kurzem mit dem Segen der Geschäftsleitung aktiv ist, gibt es unter den 18 000 Angestellten gerade einmal 200 Solidarnoc-Mitglieder.

Eine außergerichtliche Einigung scheiterte. Nun herrscht Krieg

Es gehe hier um täglich gebrochene fundamentale Menschenrechte, sagt Zbigniew HoIda von der Warschauer Helsinki-Menschenrechtsstiftung. Fast hundert Anzeigen hat der Geschädigten-Verein mittlerweile eingereicht.

Müssten die Angestellten nicht um ihren Job fürchten, so wäre die Zahl viel höher, glaubt Lech Obara. Der Allensteiner Rechtsanwalt hat Lopacka in ihrem ersten Prozess vertreten und Dutzende ähnlicher Schadensersatzforderungen gestellt. 14 Anwaltsbüros kümmern sich unter seiner Führung um Opfer von Biedronka und anderen Supermärkten. Unsere Vereinigung ist zu einer sozialen Bewegung angewachsen, sagt Obara, denn fast alle Supermarktketten seien ähnlich organisiert.