Den Blick auf die glitzernden Höhenzüge der Eifel flankieren Neubauten mit beigefarbenen Klinkerüberraschungen. Monströse Werbeplakate preisen Eichenmöbel an, ein Kaffeeparadies und eine Antikstraße. Die alten Naturstein-Bauernhöfe, massiv und prachtvoll, schützen sich auf der Wetterseite so selbstverständlich mit schmutzig-grauem Eternit, als sei Asbest hier so unbekannt wie bis vor kurzem jede Art von öffentlichen Bebauungsplänen. Hinter dem aufgeräumten Aachen ändert sich die Welt schlagartig. Nur die vielen Kühe im Eupener Butterländchen gucken wie in Deutschland.

"Belgien", sagt Herbert Ruland, "ist schon sehr anders. Für mich ist es das nördlichste Land Südeuropas: angenehm schminkefrei, individualistisch und sehr spontan." Der gebürtige Dürener leitet den Fachbereich Regionalgeschichte an der Volkshochschule in Eupen. Nach bald 30 Jahren in Ostbelgien, sagt der Politologe, komme ihm die Wahlheimat manchmal vor "wie eine Karikatur auf den preußischen Obrigkeitsstaat". In diesem Jahr feiert das Königreich Antipreußen seinen 175. Geburtstag.

Ruland, schrieb einmal die Eupener Zeitung Grenzecho, "gräbt immer und überall". Ein Historiker als Archäologe. Wir starten in Eupen zur gemeinsamen Ausgrabungstour durch Ostbelgien.

Das 17000-Einwohner-Städtchen wirkt nicht eben verlockend. Die Fassaden reihen sich zu einem Patchwork aus teils morbiden, teils aufgehübschten Altertümern auf, in der Einkaufsstraße rabiate Autofahrer, kaum Cafés, Hotels oder Attraktionen, außer einem Potpourri aus Bäckerei, Boulangerie und Indischer Restauration. Ruland führt hinter die Kulissen, und schon entfaltet sich historische Pracht: zum Beispiel in den Innenhöfen der einstigen Tuchmacherresidenzen. In der katholischen Gesamtschule, früher auch ein Tuchmacherdomizil, zieren unter den mächtigen Deckengemälden Delfter Kacheln zu Hunderten das Treppenhaus. "Auf dem Flohmarkt", sagt Ruland, "würde jede einzelne mindestens 200 Euro kosten."

Einst war Eupen überaus reich. Ab 1680 wurden hier feinste Stoffe hergestellt, "die in der Qualität jede englische Konkurrenz schlagen konnten und zum Teil als Haremstücher in die Levante exportiert wurden". Ein Schriftsteller schrieb 1796: "In Deutschland nennt sich ein Fürst reich, wenn er 25000 Taler sein eigen nennt. Damit ist ein Kaufmann in Eupen arm. Dort haben manche eine Million Taler, fahren goldene Kutschen und haben livrierte Diener." Historiker Ruland ist sicher: "Karl Marx hätte in Eupen seinen Spaß gehabt. Der Kapitalismus stand hier schon in Blüte, da war er woanders noch gar nicht erfunden."

Von 1815 bis 1920 gehörte Eupen-Malmedy zu deutschen Landen. Heute firmiert der größte Teil der Ostkantone rund um Eupen und St. Vith als Deutschsprachige Gemeinschaft (DG) – ein schmaler Streifen zwischen Aachen und Luxemburg. Deutsch ist hier Amtssprache. Ruland berichtet von seiner früheren Nachbarin, die, geboren kurz nach 1900, durch Heirat und durch deutsche Besatzungen "im Laufe ihres Lebens sechsmal die Staatsbürgerschaft gewechselt hat". Heute ist die Gemeinschaft stolz auf ihre Autonomie, bespottet sich selbst als "bestgeschützte Minderheit der Welt" und darf eigene außenpolitische Verträge abschließen. Kulturministerin ist Isabelle Weykmans. Immer wieder muss sie Fremden die "verzwickten Kompetenzüberschneidungen in der asymmetrischen Struktur belgischer Gemeinschaften und Regionen" erklären.

Mit 25 Jahren ist sie die jüngste Ministerin der Europäischen Union. Die Deutschsprachige Gemeinschaft mit ihren 72000 Einwohnern beschäftigt vier Minister, die dem 25-köpfigen Rat der Gemeinschaft verantwortlich sind. Nirgends sonst in der EU gibt es eine höhere Ministerdichte – "vielleicht ist sie sogar die höchste weltweit", sagt Ruland. Ihre Gemeinschaft, sagt Weykmans, hätte durch ein lokales Veto sogar das belgische Ja zur EU-Verfassung kippen können.