Erinnert sich noch jemand an das magische Eigenleben von Fernsehantennen? Manchmal, wenn man sie festhielt, ganz zaghaft, zwischen Daumen und Zeigefinger, war das Bild gestochen scharf. Ließ man sie los, dann verwandelte es sich augenblicklich in eine Schneelandschaft.

Als Boris Becker sein erstes Wimbledon-Turnier gewann, stand ich stundenlang vor einem kleinen Schwarzweißfernseher und hielt seine sensible Antenne fest.

Nur dann war der Tennisball zu sehen, den die Spieler behände über das Netz schossen.

Tennis war neu, ich war zehn Jahre alt und besuchte mit meinen Eltern Tante Adele in Höchstenbach. Höchstenbach ist ein winziges Dorf im Westerwald, und dort, zumindest bei Tante Adele, gab es noch keinen Farbfernseher. Ich rätselte, welche Farbe der kleine Ball haben mochte - und ich fragte mich, was es mit den seltsamen Zahlen auf sich habe, die zwischendurch mit raunender Stimme vom Kommentator übersetzt wurden: 15 : 15 etwa oder 40 : 00.

Was fesselte mich eigentlich? Mit zehn ist man für Superlative empfänglich.

Und der Fernsehkommentator sagte, wenn Becker gewinnen würde, dann wäre das ungeheuerlich, unglaublich, sensationell. Das drang tief ins kindliche Gemüt ein und bescherte mir einen Muskelkater: in meinem Fernsehantennen-Arm (später sprachen ja viele vom Tennisarm). Meine Eltern und meine Tante hatten die Ungeheuerlichkeit da übrigens noch nicht kapiert. Sie saßen im Garten und tranken Bier. Das hat sich schon wenige Monate später sehr verändert. Tennis wurde auch in unserer Familie zu einer riesigen Zeitverschwendungsmaschine. Manche Spiele dauerten fünf, sechs Stunden, die Regenpausen nicht mitgerechnet. Kein Wunder, dass Becker so berühmt wurde. 15 Jahre lang war sein Gesicht das meistgesehene und verschwitzteste der Republik.