London, 6. Juli, 13.50 Uhr: Düsenjets fliegen mit einem Höllenlärm tief über die Stadt und hinterlassen Kondensstreifen in blau, rot und weiß. Hupkonzerte auf den Straßen, eine Schwarze im East End winkt aufgeregt mit der Landesflagge und in Trafalgar Square springen Hunderte jubelnd in die Luft – London im Freudentaumel, die Stadt wird die Olympischen Spiele 2012 ausrichten. Ein Hoffnungsschimmer für den unterentwickelten Osten der Stadt, ein Moment des Stolzes für die ganze Nation. London steht im Mittelpunkt, die Menschen singen "Oh Britannia!" und Tony Blair strahlt auf dem G8-Gipfel im schottischen Gleneagles. Es passt alles so schön in eine Wirtschaft, die nicht mehr so floriert, wie sie es einst tat. Heute aber wird gefeiert – bis spät in die Nacht.7. Juli, 9.20 Uhr, Redaktion: Der Büroleiter flasht die Schlagzeile "Liverpool Street Station – Zeugen hören lauten Knall" und brüllt durch das Großraumbüro. Das kann alles sein, denke ich. Keine voreiligen Schlüsse ziehen. Trotzdem erheben sich beunruhigte Stimmen. Liverpool Street liegt schließlich gleich nebenan, es ist die U-Bahn mit Bahnhof mitten in der City. Der Knotenpunkt für das Finanzzentrum. Der Bahnhof, der den östlichen Stadtkern mit dem Flughafen Stansted verbindet. Es ist jeden Tag mein Weg.Schon oft habe ich mir vorgestellt, was passieren könnte, wenn Terroristen hier eine Bombe platzieren. Nicht so abwegig. Lehman Brothers, UBS, Cantor, Henderson, Deutsche Bank, hier sitzen sie alle, die Banken und Investmenthäuser, hier schlägt quasi das Herz des Kapitalismus."Liverpool Street Station evakuiert", kommt die nächste Meldung. Das ist was ernsthaftes. Als nächstes heißt es, es habe eine Explosion in "Aldgate Station" gegeben. Das ist allerdings eine Station weiter Richtung Osten. Wieso zwei Orte mit ähnlichen Problemen? Es soll Verletzte gegeben haben. Zwei Minuten später auf Sky News Eilmeldungen über Evakuierungen in Kings Cross im Norden der Stadt und eine Station weiter auf der Piccadilly Line, Russell Square.Es heißt, zwei U-Bahnen seien im Tunnel kollidiert. Zeugen sagen, Verletzte hätten sich retten können und seien staubüberdeckt an die Straßenoberfläche geflohen. Offizielle Quellen sprechen von Stromausfällen als Grund für die Kollision. Aber wieso rasen zwei Züge ineinander, wenn der Strom ausfällt? London hat das älteste U-Bahn-System der Welt und sicherlich auch das teuerste, warum also gelingt es nicht, diese Lebensader der Stadt in Schuss zu halten? Der Fernsehsender schickt erste Bilder, aufgenommen vom Helikopter: Rettungskräfte legen Plastikplanen aus, bauen Zelte auf, zwei Hilfskräfte tragen einen Leichensack und legen ihn auf dem Bürgersteig ab.Es wird also sicher mehrere Verletzte geben. Plötzlich taucht die Meldung auf, ein Bus sei explodiert, das Dach sei weggesprengt worden. Damit ist es klar: ein freifahrender Bus explodiert, Unfälle an verschiedenen Ecken der Stadt. Die Handschrift ist eindeutig. Aber London ist nicht Tel Aviv. Oder ab heute? Es wird hektisch: Leitungen werden gebucht, Programme geändert, wir gehen live. Jetzt ist die Frage, wie viele Explosionen gab es an welchen Stellen und mit wie vielen Toten und Verletzten ist zu rechnen? Die erste Detonation soll sich um 8.49 Uhr ereignet haben. Gegen 11 Uhr wissen wir offiziell von 8 Toten und 50 Verletzten. Die europäischen Börsen verlieren zwischen 3 bis 4 Prozentpunkte, die schönen Gewinne der vergangenen Wochen bröckeln. Rentenmärkte springen auf neue Rekordhöhen. Wir kennen nicht die Ursache des Unglücks. David Bulk von Cantor bringt es auf den Punkt: "Die Börse verzeiht keine Ungewissheiten." Selbst der Rekordölpreis bricht ein – Spekulanten reagieren wegen einer möglichen Terrorattacke mit groß angelegten Verkäufen, um die hohen Gewinne der vergangenen Tage mitzunehmen. Die Aktienkurse schwanken leicht, die Verluste reduzieren sich.Da steigen wieder welche ein, um Gewinne zu machen, wenn sich die Börse erholt. Über Lautsprecher kommt die Anweisung, das Büro nicht zu verlassen. Die gesamte Londoner U-Bahn ist außer Betrieb gesetzt worden. Der Busverkehr gestoppt. Zentral-London ist weiträumig abgesperrt. Der Kollege flucht. Er muss zum Flughafen, aber der Heathrow-Express fährt nicht, es ist kein Taxi zu bekommen. Anrufe von Angehörigen kommen, erkundigen sich besorgt nach dem Wohlergehen."al-Qaida – europäische Zelle" bekennt sich offiziell zum Anschlag gegen die "Kreuzritter". Sie verlangen den Abzug der Briten aus Afghanistan und Irak. Und warnen gleich Dänemark und Italien mit.Die Firma stellt Schnittchen bereit und Obst. Es ist lunchtime. Ansturm auf die Küche. Dabei wissen doch alle, dass sich die Lage klären wird, die Märkte werden sich erholen. Die Stimmung ist nicht wie am 11. September. Damals waren wir sprachlos und geschockt, über Tage, Wochen, ja Monate. Jetzt gehen wir mit der Situation um. Denn man hat uns schon vorbereitet vor langer Zeit.Die City ist abgesperrt. Ich verlasse die Absperrungen, mache mich auf den Weg nach Hause und marschiere Richtung East End, Heimat vieler Muslime. Es sind viele von ihnen auf der Straße, sie verstecken sich nicht. Es fühlt sich an wie ein Wochenende, fast keine Autos, alle sind zu Fuß unterwegs. Die Sonne scheint und wer gerade erst aus der Tür tritt, der könnte meinen, es sei ein wunderbarer Sommertag. Die Sirenen heulen seit Stunden quer durch London. Als ich zu Hause ankomme, treffe ich meinen Nachbarn. Er wirkt ganz abgeklärt. Doch er meint, das man viel zu lasch mit den Terrorverdächtigen umgehe. "Wir sind hier politisch viel zu korrekt", sagt Roy. Und wendet sich wieder seiner Gartenarbeit zu.Ines Karschöldgen, Bloomberg TV