Live what? Bob who? Welche Show veranstaltet der? Nyanga hat den Namen noch nie gehört. Dass in diesen Stunden auf der ganzen Welt Live 8 läuft, ist ihm auch neu. Was hat das mit mir zu tun?, fragt er und kippt beinahe einen halben Brandy über unsere Kamera. London? Berlin? Tokyo? In seiner Spelunke ist nicht einmal das Konzert in Johannesburg zu sehen. Im Fernseher über dem Bierausschank läuft The Fugitive. Dr. Richard Kimble alias Harrison Ford ist auf der Flucht.

Nomvuyo hat nie etwas von Live 8 gehört. Lindiwe auch nicht. Thandi auch nicht. Sie wissen nichts davon, dass die weißen Männer mit ihren Gitarren sie retten wollen. Wir befinden uns in Khayelitsha. Das heißt Neue Heimat und ist einer der Menschenmüllabladeplätze, die die Apartheid hinterlassen hat, eine schwarze Township in der Ebene vor Kapstadt, 440 000 Einwohner, ein Ozean aus Blechhütten. Dieser Slum hat Weltrekorde der Armut zu bieten, die höchste Tuberkuloserate zum Beispiel. Bei den Todesursachen junger Männer stehen Mord und Aids ganz oben.

Was wollt ihr hier?, fragt Nyanga. Er ist jetzt ziemlich besoffen und droht, uns die Wertgegenstände abzunehmen. Tönt nicht gerade herzlich, die Lage wird ein bisschen unangenehm. Nomvuyo interveniert: Ich kenne sie.

Raub' sie nicht aus.

Es ist neun Uhr abends, in London bittet David Beckham gerade Robbie Williams auf die Bühne, zwei Milliarden schauen zu. In Khayelitsha rennt immer noch Dr. Kimble über die Hüttendächer. Durch die Wellblechritzen unserer Kaschemme kriecht die Kälte, Mädchenstimmen schrillen, die Jungs sind sturzbetrunken.

Samstagnachtverzweiflung im Ghetto. Ihr wollt Afrika helfen. Mit Musik?

Interessant, meint Maboyce, der Polizist. Das muss ich meinen Leuten in der Straße erzählen. Wir wissen nichts davon. Er wundert sich, warum das Fernsehen noch nicht einmal das kleine afrikanische Alibi-Konzert überträgt.