Jörg Timo Gleichner hatte es leicht: studierte Maschinenbauingenieurwesen an der Fachhochschule, schrieb seine Diplomarbeit bei MAN und wurde direkt übernommen. Nur eine Bewerbung musste er schreiben – eine Formsache für das Personalbüro. Heute darf sich der 30-Jährige Inbetriebnahmeingenieur für Dampf- und Gasturbinen nennen. Zwei Monate lang wurde der frisch gebackene Hochschulabsolvent eingearbeitet, danach schickte ihn sein Arbeitgeber in die Welt: nach Südkorea, Iran, China, Singapur. Je nach Baustelle hat er bis zu 50 Mitarbeiter unter sich. Seine Karriereaussichten sind mehr als rosig.

Kurt Essig hat es schwer: Er ist 60 Jahre alt, zwölf Jahre lang arbeitete der Maschinenbauingenieur bei der Stuttgarter Firma für Büro-Organisationsmittel, zuletzt als leitender Angestellter. Vor vier Jahren wurde die Firma aufgekauft, die Produktion in den Osten verlagert, Personal abgebaut. Mit 56 Jahren wurde er arbeitslos, schrieb mehr als 50 Bewerbungen und erhielt ausschließlich Absagen. Heute bemüht er sich um seine Frühverrentung. Als Ingenieur wird er nicht mehr arbeiten, obwohl er es gerne würde.

Zu viele Unternehmen bilden ihre Mitarbeiter nicht weiter

Zwei Beispiele für ein scheinbar widersprüchliches Phänomen: Während die Industrie über einen dramatischen Mangel an Ingenieuren klagt und Firmen offene Stellen über Monate nicht besetzen können, gab es im April dieses Jahres 63.393 arbeitslos gemeldete Ingenieure. Der Grund: Beinahe die Hälfte der arbeitslosen Ingenieure ist älter als 50 Jahre, im Jahr 2004 waren es nach einer Statistik des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) 40,5 Prozent. In einer Technikbranche, die vor allem auf junge, flexible, gut ausgebildete und möglichst günstige Arbeitnehmer setzt, gelten die über 50-Jährigen heute als schwer vermittelbar.

Unter den arbeitslosen Elektro- und Maschinenbauingenieuren – von der Industrie so sehr gesucht – sind sogar 49 Prozent älter als 50 Jahre, bei den Architekten und Bauingenieuren 30 Prozent.

"Der Maschinenbau ist heute eine High-TechBranche, die Maschinen stecken voller Software, Elektronik und Sensorik", sagt Hannes Hesse, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). "Ein über 55-jähriger Ingenieur, der ohne Kenntnisse in diesen Bereichen den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt schaffen will, wird zwei bis drei Jahre brauchen, um sich da hineinzufuchsen." Das müsse sich jeder Betrieb natürlich genau überlegen, wenn man das durchschnittliche Rentenalter von unter 60 berücksichtige." Am Jugendwahn leide die Maschinenbaubranche nicht. "Hier gibt es auch für qualifizierte Ingenieure über 50 Jobs."

Qualifiziert – das heißt, die technischen Neuerungen, die Softwareentwicklungen der letzten Jahre mitbekommen und ihre Anwendung gelernt zu haben. Doch wer über Jahrzehnte im selben Betrieb beschäftigt war, sein Handwerk noch vor dem Computerzeitalter gelernt hat und keine betriebliche Weiterbildung machen musste, der musste sich im Zweifel auch nie damit auseinander setzen.

"Ich hatte eine Sekretärin und mehrere Mitarbeiter, die sich mit Computern auskannten", sagt Kurt Essig. Weder für ihn noch für seinen Arbeitgeber gab es einen Grund, sich mit 3-D-Softwareprogrammen zu beschäftigen. Jetzt, als Arbeitsloser, nimmt Essig an Weiterbildungskursen teil, er wäre auch bereit, für einen Arbeitsplatz umzuziehen. Dass er unflexibel sei, kann man ihm nicht vorwerfen. Genützt hat ihm sein Einsatz bislang trotzdem nichts. "In den Telefongesprächen mit Personalchefs war das Interesse an mir und meinen Fähigkeiten immer sehr groß. Bis ich sagen musste, wie alt ich bin", erzählt er.