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Statt Übungen zu Dativ und Akkusativ gibt es an diesem Freitagmorgen russisches Gebäck, türkische Pizza und tunesischen Minztee im Deutschkurs an der Volkshochschule Düsseldorf. Anlass zum Feiern gibt es genug – in fünf Unterrichtswochen haben die Schülerinnen und Schüler die ersten 100 Stunden ihres neu eingerichteten Integrationskurses erfolgreich absolviert. Deshalb belohnen sie sich und ihre Lehrerin Andrea Kamp-Buddelmeyer mit Spezialitäten aus ihren Heimatländern.

"Es klappt natürlich noch nicht immer mit der Verständigung, und auch die richtige Aussprache bereitet einigen Kursteilnehmern große Schwierigkeiten", erzählt Kursleiterin Kamp-Buddelmeyer, während sie an ihrem Minztee nippt, aber sie hätten in kurzer Zeit viel gelernt. Vier Tage die Woche lernen Houcine aus Tunesien, Sena aus Bosnien, Valeriy aus Russland, Metin aus der Türkei und elf weitere Schüler jeweils fünf Stunden Deutsch an der Volkshochschule.

Seit einem halben Jahr gibt es diese Kurse. Im Rahmen des neuen Zuwanderungsgesetzes, das im Januar 2005 in Kraft getreten ist, sind in ganz Deutschland mittlerweile 2.761 Integrationskurse angelaufen. Sie werden vom Bund in diesem Jahr mit insgesamt 207,8 Millionen Euro unterstützt.

Die Kurse, die als Kompaktpaket mit 600 Stunden Sprachunterricht, 30 Stunden Landeskunde und der abschließenden, international anerkannten Prüfung "Zertifikat Deutsch" angeboten werden, sollen den Immigranten das Einleben in Deutschland erleichtern.

Die Schüler von Andrea Kamp-Buddelmeyer berichten begeistert von ihren ersten Erfolgserlebnissen im Umgang mit der deutschen Sprache. Mehmet Yilmazkaya, der vor drei Monaten aus der Türkei nach Düsseldorf gezogen ist, erzählt, dass er mit seiner deutschen Frau nicht mehr auf Englisch, sondern fast nur noch auf Deutsch redet. Manjari Kejriwal aus Indien lebt seit zwei Monaten in Deutschland und berichtet, dass sie die neu erlernten Vokabeln stets beim Einkaufen anwende – mit zunehmendem Erfolg. "Ich verstehe zwar oft nicht, was die Verkäuferinnen antworten", sagt die 23-jährige Inderin, "aber wenigstens kapieren sie mittlerweile, was ich von ihnen will. Vor ein paar Wochen haben sie mich immer nur verständnislos angeschaut, wenn ich nach etwas gefragt habe."

Die Koordinierung der Integrationskurse fällt in den Zuständigkeitsbereich des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und seiner 23 regionalen Außenstellen. Angeboten und durchgeführt werden die Kurse wie bislang von privaten und städtischen Sprachschulen. Wer zum Kreis der Berechtigten zählt oder in einigen Fällen sogar verpflichtet werden kann, die neuen Sprachkurse zu besuchen, das entscheiden die örtlichen Ausländerbehörden.

Die Einführung der neuen Integrationskurse wird nicht von allen Beteiligten vorbehaltshaltlos begrüßt. Es ist viel Bürokratie im Spiel. "Wir betreiben an der VHS seit 50 Jahren Integration, doch weil nun auch die Bundesregierung das Wort Integration für sich entdeckt hat, muss alles umorganisiert werden", sagt Martin Menges, der den Fachbereich Deutsch als Fremdsprache an der Volkshochschule Düsseldorf leitet. Er ist der Meinung, dass sich die Lehrpläne inhaltlich nicht groß von denen der traditionellen Sprachkurse unterscheiden.

Deswegen bedauert er umso mehr, dass erfahrene Dozenten, die seit Jahren erfolgreich Deutsch als Fremdsprache unterrichten, laut neuer BAMF-Richtlinien nun spezielle Zusatzqualifikationen vorweisen müssen oder, mit Ausnahmegenehmigung, nur noch bis 2009 lehren dürfen.

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"Auch das Verwaltungsverfahren ist unglaublich bürokratisiert, und der zusätzliche Arbeitsaufwand wird nicht vergütet", bedauert Menges. Pro Kursteilnehmer und Unterrichtsstunde erhalten die Sprachschulen 2,05 Euro vom BAMF, das reiche gerade für die Vergütung der Dozenten, nicht aber für die Anmietung zusätzlicher Räume oder die vielen zusätzlichen Stunden, die benötigt würden, um den Bewerbern bei den komplizierten Anmeldeprozeduren zu helfen.

Tatsächlich sind die neuen Bestimmungen äußerst verwirrend. In erster Linie richten sich die Integrationskurse an Neueinwanderer, die nicht aus der EU stammen, sowie an Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa. Angehörige beider Gruppen können sich bei den Ausländerbehörden beziehungsweise beim Bundesverwaltungsamt (für Aussiedler) in Friedland eine Berechtigung zur Kursteilnahme ausstellen lassen. Aussiedler werden von den Gebühren befreit, Neueinwanderer müssen pro Unterrichtsstunde einen Euro bezahlen, es sei denn, sie sind arbeitslos oder beziehen Sozialhilfe. In diesem Fall werden auch ihnen die Unterrichtskosten erlassen, dafür werden sie dann jedoch von den Ausländerbehörden zur Kursteilnahme verpflichtet.

Die dritte Gruppe, die zur Teilnahme an den Integrationskursen berechtigt ist, sind die so genannten Bestandsausländer – Einwanderer, die schon seit vielen Jahren in Deutschland leben, aber die Sprache nicht beherrschen. Wenn sie sich für die neuen Sprachkurse freiwillig einschreiben möchten, müssen sie bei den Regionalstellen des BAMF einen Antrag stellen. Werden sie dagegen zur Kursteilnahme verpflichtet, laufen die Maßnahmen wiederum übers Ausländeramt, das sogar die Kürzung der Sozialhilfe veranlassen oder die Abschiebung androhen kann, wenn die "Pflichtschüler" den Unterricht schwänzen.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge spielt die Kritik der Sprachschulen herunter und rechtfertigt den Verwaltungsaufwand mit dem Argument, dass es sich schließlich um Steuergelder handle, weshalb man alles tun müsse, um möglichen Missbrauch zu verhindern. Die hohe Zahl der Teilnehmer – knapp 100.000 Personen hatten sich bis Ende Mai für einen Integrationskurs angemeldet oder eine Berechtigung erhalten – übertreffe bei weitem die Erwartungen und sei schon an sich ein Erfolgsbeweis.

"Wir arbeiten eng mit den Sprachträgern zusammen und bemühen uns, die Kurse noch zu verbessern", sagt Felizitas Graute von der Pressestelle des BAMF. "Anlaufschwierigkeiten gibt es schließlich überall."