Heimat begreifen, hat der Filmemacher Hans Steinbichler einmal gesagt, bedeute für ihn, vor einer wahnsinnig schönen Landschaft wahnsinnig schlimme Dinge tun. Dinge wie lügen, rächen, lieben, hassen, Inzest treiben. Dinge, die außer im richtigen Leben (und also im Film) nur auf der Bühne noch stattfinden, im Theater oder in der Oper. Mozarts Entführung aus dem Serail zum Beispiel, landläufig als Zuckerguss-süßes Mohrenland-Idyll missverstanden, erzählt, dass der Mensch nur im Schmerz noch etwas spürt, etwas fühlt - Schostakowitschs Lady Macbeth von Mszensk zeigt, dass Frauen, die auf einem erfüllten Frauenleben bestehen, zwangsläufig eine Schleifspur von Mord und Totschlag hinter sich herziehen - und Tschaikowskijs Eugen Onegin ist plötzlich so weit weg von Puschkins Birkenwäldchen und der russischen Seele, dass einem die se quenzengesättigten Melodien der populären Partitur eiskalte Schauer über den Rücken jagen.

Die Komische Oper Berlin, an der diese drei Stücke so gespielt werden, ist ein Stück Heimat. Für Regisseure wie Calixto Bieito (42) und Hans Neuenfels (64), für Kirill Petrenko (33), den Generalmusikdirektor aus Sibirien, der Berlin bis heute nicht besonders mag, für Solisten, Choristen, Musiker, Techniker und Verwaltungsleute, die teilweise seit Jahrzehnten an der Behrenstraße arbeiten. Die Felsenstein noch gekannt und Joachim Hertz und Harry Kupfer mitgemacht haben. Die der Osten ein ganz besonderes Arbeitsethos gelehrt hat. Birgitt Haberecht zum Beispiel, die über Petrenkos Vorzimmer wacht, stand vor 30 Jahren Unter den Linden, lauschte den aus der Komischen Oper herüberwehenden Gesangsfetzen und seufzte. Ach, wie haben die es gut, die hier arbeiten dürfen. Ihre kleine Tochter sei es gewesen, die sie an diesem trüben Tag förmlich hineingezerrt habe ins Haus, im gar nicht kleidsamen Regencape, wohlgemerkt. Mami, frag doch mal. Genau das habe sie schließlich getan. Und Glück gehabt. Ein Lebensglück.

Wenn Menschen wie Birgitt Haberecht sagen, sie wünschten sich im Spielplan gelegentlich ein bisschen mehr für Lieschen Müller, packt Andreas Homoki die Wut. Dann zählt der 45-Jährige mit den unverstellten Machoallüren die Stücke der nächsten Saison auf - darunter Madame Butterfly, Così fan tutte oder Rosenkavalier -, dann rauft er sich die Haare und wird ganz intendantisch-programmatisch. Es gehe hier nicht um Lieschen Müller, sondern um die größtmögliche Konsequenz im Dialog mit den Stücken. Dieser Satz allerdings wäre auch Harry Kupfer, Homokis Vorgänger im Amt des Chefregisseurs, recht geschmeidig über die Lippen gegangen. Die Konsequenz jedoch, die Homoki meint und die die letzten Ostalgiker an der Behrenstraße auf die Barrikaden treibt, sie gipfelt darin, beispielsweise, dass Osmin in der Entführung einer Nutte auf offener Bühne die Brustwarzen absäbelt (Martern aller Arten!), oder auch darin, dass mitten in der Ottavio-Arie des zweiten Aktes der ganze Don Giovanni plötzlich verstummt, anhält, Atem holt. Um einen Brief Mozarts an seinen Vater lesen zu lassen, um sinnlich begreiflich zu machen, wie sie sich anfühlt, eine Welt ohne Musik. Übergriffe einer völlig entgrenzten, enthemmten Regie auf der Suche nach den defintiv letzten Musiktheater-Tabus?

Die Arbeit mit den Grenzen, sinniert Kirill Petrenko, gehöre für ihn zum Tagesgeschäft. Dieser Satz hört sich so an, als habe er ihn schon ziemlich oft gesagt. Wie er auch seine Geschichte mit Bieitos Entführung ziemlich oft erzählt hat. Drei Möglichkeiten habe er gesehen, nachdem sich ihm in der Klavierhauptprobe das ganze Ausmaß an Körpersäfte spritzenden Scheußlichkeiten offenbart hätte: von der Produktion zurückzutreten, sich zu distanzieren oder sich darauf einzulassen.

Es dominiert nicht mehr die Regie

Der kleine hellwache Russe mit der lustigen langen Nase seufzt: Das war eine schwere Zeit. Am Ende habe er das Ganze als eine Frage der Pole gesehen, als Kräftefeld. Mozart, der die Szene wärmt. Und Mozart, immer wieder, der dafür Sorge trägt, dass die musikalische Seite des Hauses weiter erstarkt.

Unter Petrenko haben sich die Gewichte deutlich verschoben. Ob seine Figaro-Ouvertüre nun wie gehustet klingt in ihrer staubtrockenen Motorik und dabei doch ganz graziös oder ob er einen fast zu großen, fast zu idiomatischen Tschaikowskij dirigiert: Der Mann strahlt eine Unnachgiebigkeit aus, die es wissen will. Traditionell ist die Komische Oper ein Haus der Regie, und kaum jemand dürfte auf Anhieb die Namen ihrer Dirigenten erinnern (darunter Kurt Masur, Vaclav Neumann, Dmitrij Kitajenko). Heute hingegen - und das ist vor allem auch der Arbeit des Opern- und Castingdirektors Peer Boje Hansen zu verdanken - fahndet man schon einmal nach seinen Lieblingssängern, nach Maria Bengtsson, Bettina Jensen, Christoph Späth oder Jens Larsen. Wenn die Martern-Arie nicht so gut gesungen gewesen wäre, sagt Hansen, hätte die Entführung richtig peinlich werden können. Im Übrigen - und das glaubt man den blauen Augen des Norwegers sofort - brauche gute Kunst immer ein Sentiment.