Dieses Land kann sich keinen verlorenen Tag mehr leisten. (Angela Merkel)

Die politischen Gegner in Berlin beschuldigen einander des größten aller Verbrechen, des Zeitraubs am Volk. Der Kanzler Kohl habe 16 Jahre lang die Zeit nur totgesessen, sagt - in etwas anderen Worten - Kanzler Schröder. Er, Schröder, handle nun und werde vom erschrockenen Volk dafür bestraft - er bekomme Schläge, die dem starren Vorgänger gälten. So könne es nicht weitergehen. Was jetzt? Mehrmals hat Schröder sich als Herr über die Zeit inszeniert. Er tut es nun wieder. Früher hat er die Zeit angehalten. Nun spult er sie vor.

Ein Plakat zur Bundestagswahl 2002 zeigte ihn nachts beim Aktenstudium, ins Lösen unserer Probleme vertieft. Auf dem Plakat, das im Licht der alten Meister glühte, stand: Das Ziel meiner Arbeit? Dass alle Arbeit haben.

Stets hatte Schröder versprochen, er werde die Arbeitslosenzahl herunterbringen. Indes, sie stieg. Das Plakat aber zeigte einen Mann, der mit sich im Reinen war: Er lebte in seiner eigenen Zeit, in einer um die Folgen der New Yorker Terroranschläge und um die Altlasten Kohls bereinigten Gerd-Zeit. Das Plakat erhob die vom Kanzler gefühlte Zeit über die Realzeit.

Schröder war in vier Jahren nur um zwei Jahre gealtert - er wirkte, als befände er sich mitten in seinen kraftvollen Anfängen. Es wäre unstatthaft gewesen, ihn durch schnöde Abwahl zu stören.

Der Mann mit der ruhigen Hand - damals zügelte er die Zeit. Was tut er jetzt?

Er gibt ihr die Sporen. Wozu warten bis 2006? Wir lassen die Macht los, und das Volk darf mal anfassen: Schau, so fühlt sich ein führungsloses Land an.