Die großen Namen findet man anderswo. Die Bondy, Sellars und Zadek sind unlängst bei den Wiener Festwochen aufgetaucht, demnächst erscheinen die Perceval und Pollesch, Kusej und Kimmig bei den Salzburger Festspielen. Die Großfürsten unter den Regisseuren sind so gut beschäftigt, dass sie Theater der Welt ruhig mal schwänzen dürfen. Zugegeben, Eimuntas Nekrosius, Christoph Marthaler und Johan Simons sind in Stuttgart gewesen, aber sonst? Fehlanzeige - das von Marie Zimmermann kuratierte Bühnentreffen, das größer und länger ist als all seine Vorgänger, schwimmt gegen den Strom und wirft seine Netze in Regionen aus, wo die berühmten dicken Fische nicht vermutet werden. An diesem Wochenende findet das Finale statt - das Finale eines Festivals, das aus seiner ästhetischen Unberechenbarkeit eine Tugend gemacht hat.

Plötzlich, etwa zur Halbzeit, sind Inszenierungen aus Japan, den USA und Deutschland zu sehen, die untergründig miteinander zu kommunizieren scheinen, so vertrauensvoll und innig, dass sie den Schwerpunkt von Theater der Welt verlagern können. Bisher hat sich die Seefahrt als Metapher durch das Programm gezogen, angefangen von einem Chorprojekt am Neckarhafen bis hin zu den Seemannsliedern von Marthaler. Und weil die maritimen Zeichen auch sonst flächendeckend gestreut wurden, glaubte man schon, Stuttgart liege am Meer.

Die Sehnsucht nach der Ferne, die Neugier auf das Fremde pochten im Herzen des Festivals - und sie pochen da auch in der zweiten Halbzeit, selbst wenn sich Sehnsucht und Neugier jetzt auf etwas anderes richten: auf den Körper, nicht mehr auf den globalen, sondern auf den individuellen Organismus.

Drei Projekte nehmen uns mit auf eine Expedition zu außerordentlichen, von der Norm abweichenden Körpern und Seelen: die Bauchredner-Performance The Inner Voice aus Berlin, die aus New York stammende Ibsen-Bearbeitung Mabou Mines Dollhouse sowie das Tanztheater The Legend of Maha-Laba-Village aus Osaka.

Maha-Laba ist der Name eines Dorfes, das in den sechziger Jahren in Japan existierte. Dort wohnten körperlich und geistig behinderte Menschen in einer abgeschirmten Gemeinschaft, geschützt vor Diskriminierung und bestärkt in dem Bewusstsein, auch als Versehrte das Recht auf ein Leben in Würde zu haben.

Diese Geschichte erzählt die Performerin Manri Kim mit ihrer Kompanie Taihen, sieben Tänzern und Tänzerinnen, die so gehandicapt sind wie die Chefin selbst. Nun stehen, knien und liegen sie auf der Bühne des Theaterhauses und breiten ihr verstörendes Bewegungsvokabular aus. Da rudern Arme, die in Stümpfen enden, durch die Luft, da schlingen sich Beine, die keine Kraft mehr haben, um den Kopf, da robben Körper, gezeichnet von Kinderlähmung, unter dem Bühnentuch hervor - eine von Dauermusik vorangetriebene Choreografie jenseits des klassischen Formenkatalogs.

Behinderte, sagt Manri Kim, schenken dem schwächsten Teil ihres Körpers besondere Aufmerksamkeit, daraus erwachse einzigartige Schönheit. Der Zuschauer muss sich einsehen in das meist bodennahe Geschehen, in die fließenden, kreisenden und zuckenden Bewegungen. Nach dieser Initiation aber ahnt er etwas von der genuinen Ausdruckskraft behinderter Körper, von der Poesie dieser Performance. Wenn ein Handkarren mit abgetriebenen Föten über die Bühne fährt, ist das als Aufschrei gegen die Euthanasie zu werten, aber es ist ein leiser Aufschrei. Im Vordergrund steht etwas anderes. Die Künstler mit Handicap wollen nichts demonstrieren, nichts zeigen, außer sich selbst: Schaut her, wir haben Anmut und Würde!