Das hat der Laudator aber schön formuliert. In Leipzig sei das Beharren auf religiösen und geistigen Werten von jeher Teil des Widerstands gewesen, sagte der dänische Publizist John Fellow bei der Verabschiedung des Dirigenten Herbert Blomstedt als Kapellmeister des traditionsreichen Gewandhausorchesters. Auch in sozialistischen Zeiten habe es im Gewandhaus noch die echte Ware gegeben. Und wenn Günter Grass heute frage, wo sich die Widerstandskraft gegen die letzte übrig gebliebene Ideologie finde, dann sei die Antwort: Sie befindet sich im Kanon der Meisterwerke, auf dem die Gewandhaus-Tradition fußt.

Wie sich da in den ersten Parkettreihen die festlichen Sakkos der Stadthonoratioren spannten! Auf ihr Gewandhaus lassen die Leipziger nichts kommen. Auch wenn das Orchester vielleicht gar nicht die eherne Trutzburg des Wertekonservatismus gewesen ist, die der Laudator rühmt, und es in Zukunft unter seinem neuen Chef Riccardo Chailly auch gar nicht mehr sein will.

Für den 77-jährigen Herbert Blomstedt hingegen gilt uneingeschränkt, was über der Gewandhaus-Orgel in Stein gemeißelt steht: Res severa verum gaudium (Eine ernste Sache ist eine wahre Freude). Der Sohn eines schwedischen Adventistenpfarrers mit amerikanischem Pass ist ein durch und durch integrer Künstler, selbstdisziplinierter Arbeiter, gründlicher Orchestererzieher.

Sieben Jahre lang hat er den Kanon der Meisterwerke von Beethoven bis Bruckner in Leipzig als Nachfolger von Kurt Masur gepflegt, hat das Orchester verjüngt und ihm mit den dunkelsatt klingenden Streichern (in altdeutscher Aufstellung) und dem kraftvollen Bläserton Unverwechselbarkeit zurückgegeben.

Wofür ihm von den Musikern nun der Titel eines Ehrendirigenten verliehen wurde.

Zum Abschied dirigierte er Bruckners Achte: Mit unendlicher Ruhe und Konzentration durchschreitet er das Riesenstück, sieht die Formteile klar und strahlend vor sich, als sei er selbst der Baumeister. Manchmal bläst er die Wangen auf, als würde ihm die Klangpracht des Orchesters schier den Atem rauben. Echte Ware eben, auf die man in Leipzig zu Recht stolz ist.