Entspannt in den Tod – Seite 1

Wenn ich Kühe sehe, sind sie meistens friedlich mit Käuen oder Wiederkäuen beschäftigt. Kennen Rindviecher überhaupt Stress?

Nicht, wenn sie auf einer grünen Weide frisches Gras futtern. Aber wenn die Rinder zur Schlachtbank befördert werden, geraten sie in Stress. Der Transport im Lastwagen ist ungewohnt, und im Schlachthof hören und spüren die Tiere, dass hier Artgenossen getötet werden.

Und dieser Stress ist schlecht?

Natürlich. Erstens für die Tiere selbst, aber letztlich auch für Sie und mich. Wir möchten ja deren Fleisch. Geht es Rindern gut, profitieren wir beim Essen. Werden nämlich Stresshormone ausgeschüttet, verdirbt das Fleisch bezüglich Qualität und Haltbarkeit. Außerdem versteifen sich die Tiere, sodass mehr Blut in den Muskeln bleibt. Das führt dazu, dass das Fleisch zäher wird. Das Blut bringen Sie auch durch tagelanges Abhängen nicht mehr raus aus dem Gewebe.

Den stressfreien Gang ins Jenseits lernen die Kühe auf Ihrem Hof Olbendorf im südlichen Burgenland. Wie sieht Ihr Projekt aus?

Wir konstruieren derzeit eine Schlachthofattrappe. Dazu bauen wir exakt den Eingangsbereich des Schlachthofs von Ollersdorf nach - er liegt sechs Kilometer entfernt. Auch die Schlachtbox kopieren wir originalgetreu. Hier bringen wir dem Rind in einem zweiwöchigen Trainingslager bei, dass es jedes Mal Futter gibt, wenn es sich durch das Eingangstor in die Box begibt. Die Kuh lernt also, freiwillig und guten Mutes hineinzugehen.

Eine raffinierte Täuschung!

Entspannt in den Tod – Seite 2

Bislang ist der Gang zum Schlachter eine Qual. Die Tiere werden mit Gewalt gezwungen, an einen unbekannten Ort zu gehen. Ein von uns trainiertes Rind geht ahnungslos in den Tod, denn es glaubt, die Umgebung zu kennen. Es denkt: Prima, gleich gibt es etwas zu essen! Es hat seinen Frieden und der Mensch am Ende Fleisch von bester Qualität. Sie sehen das, wenn Sie das Steak in die Pfanne hauen: kein Blut, kein Schaum. Das Fleisch ist mürbe und zergeht auf der Zunge wie Carpaccio.

Wie verhindern Sie, dass der Transport zum Schlachthof die Rinder in Unruhe versetzt?

Auch daran haben wir gedacht. Mehrmals während ihres Lebens werden sie von einer leer gefressenen Weide zu einer frischen transportiert, wo saftiges Gras sie erwartet. Die Tiere lernen, freiwillig den Anhänger zu besteigen.

Denn nach dem zweiten, dritten Transport wissen sie: Nach einer kurzen Fahrt komme ich an einen neuen Ort, wo es feinstes Grünzeug gibt.

Wann wird Ihr Trainingscamp eröffnet?

Voraussichtlich in der letzten Septemberwoche.

Sind Wissenschaftler beteiligt?

Entspannt in den Tod – Seite 3

Wir haben vorab Gespräche mit der Veterinärmedizinischen Universität Wien geführt, die das Projekt von Betriebsbeginn an wissenschaftlich begleiten wird. Davon versprechen wir uns natürlich einiges. Die Forscher können uns helfen, das System zu perfektionieren.

INTERVIEW: URS WILLMANN