Während eine modernisierungsfeindliche Öffentlichkeit noch immer vor den Folgen der neuen Gentechnik warnt, hat unterdessen die alte Gentechnik, offenbar allein durch Züchtung nach Mendelschen Erbgesetzen, die entscheidende Wende für den Arbeitmarkt erreicht. Eine kleine, unscheinbare Zeitungsanzeige markiert den wissenschaftlichen Durchbruch. "Neun Welpen aus Zwergangestelltenzucht, entwurmt, geimpft, mit allen Papieren, in verantwortungsvolle Arbeitgeberhände abzugeben", war kürzlich in einer mitteldeutschen Zeitung zu lesen. Ein Anruf bei dem Züchter brachte die revolutionäre Neuerung ans Licht. "Wo ist der Trick?", fragte ich. "Der Trick", erklärte der Züchter, "besteht darin, dass für Zwergangestellte keine Sozialabgaben fällig werden. Zwergangestellte unterliegen dem Kleintiergesetz. Mehr als eine Art Hundesteuer wird da nicht fällig." Ich war sprachlos. "Übrigens", fuhr er fort, "brauchen Sie auch kaum ein Drittel des üblichen Büroraums. Geschosshöhen von 1 bis 1,20 Meter sind überhaupt kein Problem, Sie müssen sich allerdings neue Möbel und wesentlich kleinere Schreibmaschinen zulegen. Mehr als zehn, zwölf Buchstaben sind nicht drin, ein Zwergalphabet nennt man das, das hat auch Vorteile, die Einsparungen in der Firmenkommunikation können Sie sich vorstellen." Meine Bewunderung stieg ins Unermessliche. "Was muss ich noch beachten?" – "Nun, es gibt natürlich die üblichen Beschränkungen für die Käfighaltung in Produktionsbetrieben, 1 Quadratmeter Auslauf ist Standard, außerdem sollten Sie nie zwei Zwergangestelltenweibchen auf einem Stockwerk halten, das könnte zu Beißereien führen, vor allem wenn eines der Weibchen trächtig ist." – "Wie sieht’s überhaupt mit der Nachzucht aus?" – "Zwergangestellte werfen zweimal im Jahr, die Lebenserwartung beträgt neun Jahre, aber sie sind bis zum Tode arbeitsfähig, um Renten müssen Sie sich also keine Sorgen machen." – "Und die Probleme mit der Verträglichkeit?" – "Nicht unter Rüden", protestierte der Züchter, "aber Sie sollten sich einen Zwergangestelltenbeauftragten im Betriebsrat leisten, das ist ’ne sinnvolle Investition, auch um die Zuchttauglichkeitsprüfung abzunehmen." – "Wie?", jetzt war ich wirklich überwältigt. "Gibt es da schon eine Norm?" – "Ja, natürlich, nach DIN 2010, das ist die neue Deutsche Industrie-Norm." Finis

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