Der durchschnittliche radikalislamische Dschihadist im Irak entführt in aller Regel nach dem Frühstück einen amerikanischen Aufbauhelfer, wirft zur Mittagszeit eine Handgranate auf einen US-Checkpoint und sprengt sich meist noch vor dem Abendessen neben einer irakischen Polizeistation (den Helfershelfern Amerikas) in die Luft. Diesen Tagesablauf sind wir schon fast gewohnt.

Nun aber dieses: In Bagdad ist am Wochenende der ägyptische Geschäftsträger Ihab al-Scherif entführt worden. Ein arabischer Bruder? Der erklärtermaßen kein Freund der Amerikaner war? Dessen Land bisher keine vollen Beziehungen zum Irak unterhielt? Nach der Faustregel "Zerschmettere die Amis, wo du sie triffst" gibt es keinen einsichtigen Grund für irakische Aufständische und Terroristen, ausgerechnet diesen Mann zu kidnappen.

Doch hat der Irak im Jahre drei des Krieges viele Frontlinien. Eine für den Westen weniger sichtbare ist jene, die bisher vor allem die Völker im Mittleren Osten trifft: Muslime gegen Muslime. Da kämpfen Schiiten gegen Sunniten, Kurden gegen Türken, und im innerfamiliären Dschihad sunnitische Islamisten gegen arabische Regierungen.

In dieses Bild fügt sich die Entführung gut ein. Auch 2004 wurde ein ägyptischer Diplomat in Bagdad in Geiselhaft genommen, 2003 explodierte ein mit Sprengstoff gespicktes Auto vor der jordanischen Botschaft. Alles Warnungen an arabische Regierungen, keine Beziehungen mit der irakischen Regierung aufzunehmen.

Doch die täglichen Überfälle auf ägyptische Gastarbeiter im Irak, auf kurdische Lastwagenfahrer und jordanische Kaufleute deuten auf unangenehmere Triebkräfte. Der französische Politologe und Islamkenner Gilles Kepel hat es "Fitna" genannt: Im Arabischen bedeutet das Zerwürfnis, Zerfall, Chaos – hier im Besonderen die Auflösung der irakischen Gesellschaft. Der Irak, wenn er nicht irgendwann zur Ruhe kommt, droht eine Arena des Kampfes aller gegen alle zu werden. Diesen verhindern können vor allem jene, die im Irak Machthaber waren und heute aller Macht beraubt sind: die Sunniten. Sie zurückzugewinnen liegt in der Hand der herrschenden Kurden und Schiiten.