Es ist ein Moment hohen Glücks, und sie ertragen ihn mit Leichenbittermiene. Ein wenig geduckt sitzen sie da, Sylvia und Ulrich Ströher, als hätten sie etwas verbrochen. Dabei haben sie nur Kunst gesammelt, viel Kunst, fast 800 Werke. Und jetzt auf einen Schlag nochmals 700 Bilder und Skulpturen hinzuerworben. Es ist einer der größten Ankäufe, die es je gab. Er macht aus der weitgehend unbekannten Privatkollektion die wichtigste Sammlung deutscher Kunst nach 1945.

Viel ist in jüngster Zeit über diese wundersame Transaktion gewispert worden, die Ströhers aber mochten sich nicht äußern. Und auch jetzt, da die Verträge bald unterschrieben werden, wollen sie unerkannt bleiben, wollen auf kein Foto, und nur weil ein Berater sie drängt, lassen sie den Reporter kommen, aber nur einen und nur für dieses eine Mal. "Unser Leben ist ein Privatleben", sagt Ulrich Ströher ernst. "Und so soll es bleiben."

In Darmstadt wohnen sie, und wer ihr Haus sieht, ahnt nicht, dass dort zwei der reichsten Menschen dieser Erde leben. Bis vor ein paar Jahren gehörte der Familie von Sylvia Ströher das Wella-Imperium, ein Kosmetik-Konzern, der für 6,5 Milliarden Euro verkauft wurde. Einen guten Teil davon besitzen nun die Ströhers, und doch sammeln sie weiter wie bisher. Sie gehören nicht zu jenen Bilderhortern, die in der Kunst eine Eintrittskarte ins schillernde Leben sehen. Von allen deutschen Großsammlern sind sie die stillsten.

Umso erstaunlicher, dass sie sich nun auf einen Kunstprahler eingelassen haben, auf Hans Grothe. "Den Hans", sagt Ulrich Ströher, "den kennen wir seit Jahren schon. Der ist ein guter Freund." Schnell waren die beiden Männer vertraut, beide aus schlichtem Elternhaus, Grothe, der Sohn einer Bergarbeiterfamilie in Duisburg, Ströher, der ehemalige Krankenpfleger, aufgewachsen im Essener Norden. Als Sammler jedoch hätten sie sich eigentlich fremd bleiben müssen. Der Immobilienmagnat Grothe war immer ein Mann großer Gesten, er träumte von "einem Bayreuth der bildenden Künste". Seine Bilder von Baselitz, Immendorff, Kiefer waren für ihn "im Wesentlichen Angabe", hat er einmal gesagt. "Als Sammler werde ich behandelt wie ein Professor." Und so ließ er sich gern umwerben, versprach Bremerhaven ein Museum, Düsseldorf ein Kunsthotel, gab am Ende seine Sammlung als Leihgabe nach Duisburg, wo ihm eigens das Museum Küppersmühle gebaut wurde, und nach Bonn ins Kunstmuseum. Dass er nun, wo er 75 ist, alles abstößt, überrascht eigentlich niemanden. Immer wieder hat er Werke verkauft, sogar ein Hauptbild seiner Sammlung wie Gerhard Richters Stadtbild Madrid.

"Das Bild hätten wir gern gehabt", sagt Sylvia Ströher und lächelt ganz kurz. Und dann sagt sie schnell, dass sie bestimmt nichts verkaufen werde. Es gebe auch kaum Überschneidungen, die beiden Sammlungen ergänzten sich wunderbar.

Das stimmt und stimmt nicht. Grothe hat vor allem den Künstlerfürsten der siebziger Jahre gehuldigt, die Ströhers hingegen lieben die eher kleinen und abstrakten Bilder der Fünfziger und Sechziger, die Künstler des Informel, Hoehme, Götz, Schumacher. Deren Kunst hat oft etwas Mutwilliges, sie brodelt, sie lässt das Geregelte verdampfen. Es sind wilde Bilder, doch ist es eine andere Wildheit als die der späteren Heroen, nicht politisch, nicht selbstironisch. Nur wenige schmale Brücken führen vom Informel in die Grothe-Kunstwelt – doch das ist noch das kleinste Problem.

Viel gravierender sind die Unterschiede im Charakter der beiden Sammlungen. Grothe hat sich immer beschränkt, er hatte zwei Dutzend Künstler im Blick, und von diesen trug er zusammen, was er bekommen konnte: Lauter monografische Minimuseen, die das Werden der Künstler zeigen. Ganz anders die Ströhers: Sie haben 178 Künstler versammelt, und kein Konzept verbindet sie. "Dass wir zur Kunst kamen, war eher Zufall", sagt Sylvia Ströher. Ihr Großonkel Karl Ströher hatte nach dem Krieg eine viel bestaunte Kollektion aufgebaut, doch das habe für sie keine Rolle gespielt. "Eines Tages kamen wir einfach mit zwei Gouachen nach Hause." Das war vor 18 Jahren, und nichts deutete darauf hin, dass aus den zwei Bildern eines Tages viele hundert werden würden.