Die Helden der Literatur sind seit langer Zeit schon Helden des Scheiterns. Die Macht benötigt den Dichter nicht mehr. Einstmals durfte er, wenn das Tuch vom neu errichteten Denkmal glitt oder wenn die Gladiatoren ins Stadion zogen, ein Loblied auf den ruhmreichen Lenker des Vaterlands anstimmen. Und wenn er die falschen Worte wählte, jagte ihn der Mächtige davon. So erzählt Christoph Ransmayr in seinem Roman Die letzte Welt das Schicksal Ovids.

Wann immer sich die Dichter vom Zwang zum Herrscherlob und von der Zensur zu befreien vermochten, haben sie den Unterlegenen, den Verlierern ein Denkmal gesetzt. Ob Emma Bovary oder Werther, Oblomow oder Kapitän Ahab, Effi Briest oder Franz Biberkopf: Überall hören wir das Requiem des Scheiterns. Das Unglück ist für die Literatur ergiebiger als das Glück. Der rechtschaffene Kohlhaas beruft sich auf sein Recht – und verfehlt es, indem er es absolut setzt. Von ihm sagt Kleist: "Die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in seiner Tugend nicht ausgeschweift hätte." Der ruchlose Raskolnikow (in Dostojewskijs Roman Schuld und Sühne) setzt sich über die geltenden Regeln hinweg, er beruft sich auf ein höheres Recht – und scheitert, weil er nicht ruchlos genug ist.

Müssen wir in Gerhard Schröder einen Helden des Scheiterns erblicken? Schröder fast am Ziel: Vertrauensfrage verloren lautete die Titelzeile der FAZ am 2. Juli. In seinem Aufsatz Die Helden des Rückzugs (1989), den er den Abwicklern der letzten Ideokratien des 20. Jahrhunderts widmete, darunter Gorbatschow, schrieb Hans Magnus Enzensberger: "Es war Clausewitz, der Klassiker des strategischen Denkens, der gezeigt hat, dass der Rückzug die schwierigste aller Operationen ist. Das gilt auch für die Politik. Das non plus ultra der Kunst des Möglichen besteht darin, eine unhaltbare Position zu räumen."

Die Unhaltbarkeit seiner Position hat außer dem Bundeskanzler niemand so deutlich gesehen – vorher. Aber jetzt, nach der gewonnenen Niederlage, sehen wir, wie unhaltbar sie wahrhaftig ist. Er ist in der Tat, wie der Titel von Thomas Bernhards Roman lautet, Der Untergeher und als solcher ein Fall für die Literatur.

Die Bereitschaft der deutschen Schriftsteller allerdings, ihm das letzte Geleit zu geben, scheint nicht sehr verbreitet. Peter Rühmkorf immerhin hat in einem Gespräch mit der ZEIT (Nr. 22/05: Trommeln wir auf den Sarg! ) gesagt: "Wir trommeln noch mal, und sei es auf unseren eigenen Sargdeckel." Günter Grass trommelt mit, aber viel mehr werden es wohl nicht sein. Andere wiederum geben der SPD indirekt Beihilfe, indem sie vor der neuen Linkspartei warnen. Die Schriftsteller Hans Christoph Buch, Wolf Biermann, Uwe Kolbe, Günter Kunert, Monika Maron, Peter Schneider und andere haben auf die beunruhigende Konvergenz von links- und rechtsextremer Ideologie hingewiesen, wie sie in Lafontaines Rede von den "Fremdarbeitern" zum Ausdruck kommt. Recht haben sie, die Schriftsteller, aber eine emphatische Solidaritätsadresse wird man das nicht nennen wollen.

Der letzte große Aufstand der deutschen Schriftsteller war der gegen die Rechtschreibreform. Wenn man sich daran erinnert, wie spät sie damals interveniert haben, nämlich kurz nach zwölf, dann kann man es für möglich halten, dass sie auch diesmal erst zu trommeln beginnen, wenn sich der Sargdeckel über dem rot-grünen Projekt zu schließen beginnt. Nicht wenige waren ja zuweilen Schröders Gäste im Kanzleramt. Er habe immer gut zuhören können, berichteten einige.

Es könnte aber auch sein, dass der Deckel unter allseitigem Schweigen zufällt, vielleicht begleitet von Gefühlen der Trauer und des Mitleids. Denn Verlieren allein genügt nicht. Schröders Verhalten scheint von tiefer narzisstischer Kränkung gezeichnet. Um als Held des Scheiterns gelten zu können, hat er sich mit allzu vielen Vieldeutigkeiten umgeben. Über die verlorene Vertrauensfrage das Vertrauen wiedergewinnen, durch die Räumung einer unhaltbaren Position diese erobern und aus der Niederlage einen Sieg machen zu wollen, diese Dialektik wirkt schlaumeierisch. Weder rechtschaffen noch ruchlos, weder Kohlhaas noch Raskolnikow, sondern nur Berliner Kindl, das genügt nicht.