Mit einem Appell zur programmatischen Erneuerung hat die Grünen-Spitze ihre Parteibasis auf einen harten Kampf um den Sieg im Bundestagswahlkampf eingeschworen. "Wir haben keinen Grund, die Ohren hängen zu lassen", rief Spitzenkandidat Joschka Fischer am Samstag den rund 850 Delegierten des Grünen-Wahlparteitags in Berlin zu. Die Entscheidung werde in den letzten drei Wochen des Wahlkampfes fallen. "Ich setze voll auf Sieg und werde bis zum 18. September kämpfen." Die Delegierten nahmen die Rede des Außenministers anfangs ruhig auf, zuletzt spendeten sie Fischer stehend minutenlangen Applaus. Fischer wird alleiniger Grünen-Spitzenkandidat für die mögliche Bundestagsneuwahl im Herbst bleiben. Nach einer lebhaften Debatte lehnte die Partei einen Antrag des Kreisverbandes Berlin-Pankow ab, eine zusätzliche Spitzenkandidatin neben Fischer zu benennen. Dagegen hatte sich auch der Grünen-Bundesvorstand ausgesprochen.In ihrer Rede versicherte die Parteichefin Claudia Roth: "Wir versprechen nicht Füllhorn und heile Welt." Dies sei der "der Unterschied von uns zu all den anderen". Roth sagte: "Zu den großen Sozialreformen gibt es keine Alternative." Dabei müsse es aber sozial gerechter zugehen. Ökologische Verantwortung seien dabei "die zentralen Zukunfts- und Überlebensfragen".In scharfer Abgrenzung zu Union, FDP und Linksbündnis kündigte Fischer eine Richtungsentscheidung an. "Wir wollen eine solidarische Gesellschaft bei allen Unterschieden und dass wir füreinander einstehen." Die Grünen müssten ihre Arme für enttäuschte Anhänger der SPD und des Linksbündnisses "weit öffnen", sagte Fischer. Roth warf der Union Inhaltlosigkeit und der FDP Kaltherzigkeit vor. Bei der SPD seien die Grünen wegen deren Strukturkonservatismus an Grenzen gestoßen.Kinder seien das zentrale Zukunftsthema. "Ein kinderfreundliches Deutschland wird ohne einen gesetzlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem ersten Lebensjahr, im Grunde genommen ab den ersten Monaten, nicht Wirklichkeit werden", sagte Fischer. "Wenn die jungen Eltern so gut organisiert wären wie die Kohlelobby oder der Bauernverband, dann hätten wir andere Zustände in diesem Land."Fischer und Roth kündigten weit reichende Pläne zur Verbesserung der Lage von Langzeitarbeitslosen und älteren Arbeitslosen an. Die private Alterssicherung solle fortentwickelt werden. Eine von allen finanzierte Bürgerversicherung müsse auch Leistungen für Behinderte und Schwache bereitstellen.Ihren Parteitag starteten die Grünen mit einer Schweigeminute für die Terroropfer von London. Fischer forderte die Zerstörung der terroristischen Netzwerke. Die Anschläge von London hätten klar gemacht, dass die Terroristen keine Rücksicht auf das Leben nähmen, egal ob es Reiche oder Arme, Junge oder Alte, Christen oder Muslime seien. Die Täter wollten die Grundwerte von Freiheit und Gerechtigkeit zerstören.Zu den zahlreichen Punkten, die den Delegierten zur Abstimmung stehen, zählt die Einführung eines flexiblen Mindestlohns innerhalb eines gesetzlichen Rahmens, die Senkung der Lohnnebenkosten und eine Mehrwertsteuererhöhung. Zur Finanzierung der Vorhaben ist auch eine Anhebung des Spitzensteuersatzes für private Einkommen auf 45 Prozent geplant, wenn durch eine Systemänderung die Sätze für den Mittelstand niedrig bleiben können. Die umfangreichen Debatten und Abstimmungen sollen am Abend bis rund 23.00 Uhr um zwei Stunden verlängert werden.