Die Art und Weise, wie das amerikanische Militär seine Gefangenen in Guantánamo Bay und anderen Lagern behandelt und verhört, ist weltweit Gegenstand heftiger Kritik. Glaubt man einigen Journalisten, dann waren die Folterungen im Bagdader Gefängnis Abu Ghraib keine Einzelfälle, wie die Regierung Bush behauptet, sondern Ausdruck systematischer Übergriffe. Wenn das stimmt, dann haben sich die Vereinigten Staaten schockierender Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht. Unstrittig ist indes, dass Amerika Hunderte von Menschen in Guantánamo und anderswo gefangen hält, ohne sie eines Verbrechens anzuklagen oder ihnen den Prozess zu machen. Doch verletzt diese Praxis bereits die Menschenrechte?

Meine Frage zielt nicht darauf, ob die US-Regierung gegen die Menschenrechtskonventionen verstößt. Das ist eine juristische Frage, in der die Völkerrechtler uneins sind. Mir geht es vielmehr um eine moralische Frage: Verletzt die unbegrenzte Haft ohne Gerichtsverfahren jene grundlegenden moralischen Rechte, um deren Kodifizierung sich die Menschenrechtskonventionen bemühen?

Das grundlegendste Menschenrecht, dem alle anderen entspringen, ist das Recht eines jeden Menschen, von den jeweiligen Machthabern mit einer Haltung behandelt zu werden, die von Achtung zeugt und von der Überzeugung getragen ist, dass jedes menschliche Leben an sich und objektiv wertvoll ist. Was daraus im konkreten Einzelfall folgt, darüber sind viele Regierungen natürlich unterschiedlicher Meinung. Sie haben entsprechend unterschiedliche Auffassungen darüber, welche Rechte den Menschen zukommen. Doch Folter und Völkermord sind evidente Belege dafür, dass eine Regierung nicht einmal den Versuch unternommen hat, Menschen mit Achtung zu behandeln. Sie verletzen die Menschenrechte.

Nationen haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie sie Gefangene behandeln müssen, um den Anspruch auf grundlegende Achtung und Respekt zu erfüllen. Sobald aber eine Nation in dieser Frage einmal Position bezogen hat – durch die Art und Weise, wie sie ihre eigenen Bürger behandelt, die eines gewöhnlichen Verbrechens angeklagt sind – , versagt sie, wenn sie Ausländern nicht mit derselben Achtung begegnet. Die US-Verfassung verbietet die Vorbeugehaft. Sie verbietet es, Bürger ohne Gerichtsverfahren einzusperren, selbst wenn diese eines Mordes oder eines anderen schrecklichen Verbrechens verdächtigt werden.

Zweifellos beeinträchtigt dieses Prinzip in einem gewissen Maß die Sicherheit amerikanischer Bürger. Sie wären bestimmt sicherer, wenn ihre Gesetze es erlaubten, all jene unbegrenzt einzusperren, die die Polizei für gefährlich hält, mangels Beweisen aber keines Verbrechens überführen kann. Doch die amerikanische Nation hat sich nun einmal dazu entschlossen, das Risiko einzugehen, denn andernfalls würde sie Menschen grundlegende Rechte vorenthalten. Mit diesem Prinzip bringt Amerika zum Ausdruck, worin die Achtung gegenüber Menschen konkret besteht. Übertragen auf Guantánamo heißt das: Amerika verletzt sehr wohl die Menschenrechte, wenn es Ausländer für unbestimmte Zeit in Internierungslagern festhält. Es behandelt sie nicht wie Menschen, deren Schicksal ebenso wichtig ist wie das eines jeden anderen.

Nun behauptet die Regierung Bush, die Staatsangehörigkeit mache einen wichtigen Unterschied aus. Um die Würde ausländischer Staatsbürger zu wahren, müssten wir die polizeiliche und militärische Macht weniger einschränken als bei amerikanischen Bürgern. Robert Jackson, ein herausragender Richter am Obersten Gerichtshof und Ankläger bei den Nürnberger Prozessen, hielt die Annahme für albern, feindliche Staatsangehörige besäßen denselben rechtsstaatlichen Anspruch auf ein ordentliches Gerichtsverfahren wie amerikanische Staatsbürger. Aber Jackson hat Unrecht. Menschenrechte gelten für alle Menschen, nicht nur für die eigenen Bürger.