Kurz vor dem Rückflug der "Dutchbat" genannten niederländischen Einheit findet am 23. Juli 1995 auf dem Stützpunkt Pleso bei Zagreb eine Pressekonferenz statt. Kommandant Thom Karremans erklärt auf Niederländisch und Englisch, dass die "Schlacht um Srebrenica vonseiten der Serben eine korrekte militärische Operation" gewesen sei. "Mladić hat uns geschickt ausgetrickst", sagt er nicht ohne Bewunderung. Nach dem offiziellen Teil wartet General Hans Couzy, der Chef der niederländischen Landmacht, mit der Aufassung auf, dass im Übrigen auch "das Abführen der Muslime korrekt verlaufen" sei.

Abschließend heißt es im "Debriefing-Report", den der niederländische Verteidigungsminister im Oktober 1995 vorlegt: "Als militärische Optionen nicht mehr zu verantworten oder möglich waren, konzentrierten sich die niederländischen Blauhelme vollständig darauf, die größte humanitäre Not unter den Flüchtlingen zu lindern. Dank ihrer Anstrengungen wurde eine größere Katastrophe verhindert."

Im Dezember 1995, bei der "letzten Debatte" im Parlament über den niederländischen Blauhelmeinsatz, sind sich Regierung und Opposition weitgehend einig, dass es nun an der Zeit sei, "das Buch über die Srebrenica-Tragödie zu schließen". Eine hundertprozentige Wahrheitsfindung könne es nun mal nicht geben. Also müsse jetzt Schluss sein, sonst "wird sich das für unsere Kriegsmacht noch zum Trauma auswachsen".

Wäre es nach den Plänen der Regierung gegangen, hätte man damit das Thema Srebrenica tatsächlich zu den Akten gelegt. Das Bild vom kleinen tapferen Königreich der Niederlande hatte ein paar Schrammen abbekommen; der "ehrenvolle Auftrag" zur Verteidigung der Enklave hatte sich nicht nur, wie vorausgesehen, als schwierig, sondern als "nicht machbar" erwiesen. Aber schließlich waren "unsere Jungs" alle bis auf einen heil zurückgekommen. Man hatte unter den gegebenen Umständen das Mögliche getan.

Damals, schreibt der niederländische Journalist Raymond van den Boogaard, begann die Zeit einer "scheinheiligen Gesellschaft". Boogaard, der Anfang der neunziger Jahre als Kriegsreporter aus dem ehemaligen Jugoslawien berichtete und heute als politischer Redakteur der einflussreichen Abendzeitung NRC Handelsblad in Den Haag arbeitet, blickt mit Scham und Zorn zurück. Zilverstad ("Silberstadt"), sein soeben erschienenes Buch, ist eine Abrechnung mit den Regierenden. Seine Spurensuche zeichnet die "Haager Verdüsterung des Dramas von Srebrenica" nach, die "schamlose Weißwäscherei", die enge niederländische Perspektive, die Feigheit, die Verleugnung, den Verrat und den moralischen Ausverkauf.

Die niederländischen Soldaten, schreibt Boogaard, hätten sich schon im Frühjahr 1995 von der Bevölkerung, die sie schützen sollten, distanziert und die "elenden, verlausten Muslime und ihre bettelnden, stehlenden Kinder" verachtet. Sie hätten die gut organisierten Serben, die immerhin über die notwendigen Biertransporte mit sich handeln ließen, bewundert. Die militärische Führung weigerte sich zunächst, einzugestehen, dass es überhaupt zu einer Katastrophe gekommen war. Sie informierte den Verteidigungsminister unzureichend, unterdrückte Dokumente über die Beteiligung der Niederländer an der Deportation. Es verschwanden Filme, die belegt hätten, dass die Serben bei so genannten Verhören Flüchtlinge schon im Lager von Potocari erschossen.

Zur Taktik der Haager Politiker gehörte es, urteilt Boogaard, die Selektionen, die Erschießungen und den Massenmord nach der Räumung des Lagers an 8.000 bosnischen Männern strikt von den Aktivitäten ihrer Blauhelmtruppe zu trennen. Das eigene Prestige, die Sicherheit der eigenen Truppe sei den Niederländern wichtiger gewesen als ihr humanitärer Auftrag. "Für Muslime sterben", so der oft kolportierte Soldatenspruch, "wo kämen wir da hin?" Man sei nicht schuldig; versprochene Luftangriffe der Franzosen und Briten seien ausgeblieben. So sei es zum "teuflischen Dilemma" gekommen.

"Sie haben niemanden gerettet, obwohl sie es gekonnt hätten"