Im Fernsehen hat Peter von Matt über Elias Canetti gesagt, der Dichter habe eine Affinität auch zu Leuten gehabt, die er nicht mochte: zu Nietzsche und zu Freud. Bei Nietzsche stimmt’s, bei Freud bezweifle ich es. Canettis Affinität zu Nietzsche sieht man in seinem Buch Masse und Macht. Es sagt viel über den deklarierten Machtfeind Canetti. Eine Affinität zu Freud würde über Canetti viel weniger sagen als die von ihm zelebrierte Aversion: Canettis Drama Komödie der Eitelkeit spielt den Grundeinfall durch, dass in einer Gesellschaft die Spiegel verboten wären. Das führt natürlich dazu, dass für die Besserverdienenden Spiegelkabinette errichtet werden. Sie haben Bordellstatus und verfügen über Luxuskabinen, in denen auch "psychoanalytisch" behandelt wird. So genießt Direktor Garaus, ein brutaler und nichtsdestoweniger sentimentaler Spießer, die Analyse, die ihm durch Leda Föhn-Frisch zuteil wird. Die Verkörperung der Psychoanalyse durch den Doppelnamen redet ihm gut zu: "Lassen Sie sich jetzt einmal gehen. Strengen Sie sich gar nicht an. Ich weiß, Sie haben so viel wichtige Dinge im Kopf."

Das ist das eine Motiv: Psychoanalyse schmeichle den Reichen, stelle deren Person nun auch im ganz Persönlichen in den Mittelpunkt. Das andere Motiv ist, dass sich eine Leda Föhn-Frisch gar nichts sagen lässt; sie weiß nämlich, was eine Person ganz persönlich zu sagen hat, immer schon im Voraus. Die Psychoanalyse hat den Menschen, bevor der Analytiker ihn anschaut, längst durchschaut. Im Supplementband I der Werke von Ödön von Horváth steht eine Geschichte, in der ein Psychoanalytiker seinem Objekt sowohl gut zuredet als ihm auch etwas vorredet, nämlich die Erkenntnis, worum es im Grunde immer geht. Charlotte, erzählt Horváth, wohnte in einem Zimmer, in das kein Lichtstrahl fiel. Sie träumte, dass draußen vor dem Fenster eine schöne Landschaft wäre: "Ein Psychoanalytiker hatte Charlotte mal gesagt, das Bild von der Landschaft, die es nie gab, sei so ’ne sexuelle Sache. Er wollte ihr das alles erklären, weil er mit ihr schlafen wollte. Charlotte wollte ja auch, und sie dachte sich die ganze Zeit, wenn er nur schon mal das Quatschen aufhören würde und losginge – und er dachte, derweilen dass – und quatschte."

Der jüngst erschienene von Klaus Kastberger bei Suhrkamp herausgegebene SupplementbandII von Horváths Werk heißt: Ein Fräulein wird verkauft und andere Stücke aus dem Nachlass. Darin findet sich (in fünf verschiedenen "Textstufen") ein unfertiger Text, der alle Stücke spielt. Magazin des Glücks hätte eine Revue werden sollen, und wer weiß, vielleicht wird’s auch noch eine, wenn ein Theatermensch es wagt.

"Angestellte erfrischten die Besucher mit optimistischen Gesprächen"

Das Magazin des Glücks ist eine in einem Haus untergebrachte Einrichtung, wo zahlende Gäste – zu einer Zeit, in der das Glück schwer zu finden ist – ihm begegnen können. Es gibt in ihm vielerlei fremde Länder und am Ende auch das Paradies. Das Magazin des Glücks ist die Umkehrung einer Geisterbahn, in der man den Schrecken genießt. Hier nur Gutes – draußen ist der Schrecken Alltag. Die Satire Horváths auf die begütigenden Seiten der Kulturindustrie ist gespenstisch aktuell. Wie bei Canettis Spiegelbordell ist auch im Magazin des Glücks die Basis geschäftlich, rein kommerziell. Im Glücksmagazin werden die Besucher in einem Dressing-Room für die glücklichen Stunden vorbereitet: "Die zahlreichen Angestellten dieser Abteilung erfrischten die Besucher mit optimistischen Gesprächen und als Psychoanalytiker nahmen sie ihnen die Sorgen für ein paar Stunden ab und machten ihnen Mut und Hoffnung."

Klaus Theweleit hat in einer begeisternden Studie, die in dem lesenswerten Sammelband Culture Club. Klassiker der Kulturtheorie bei Suhrkamp erschienen ist, Freud in jenem Moment zu erwischen versucht, da dessen gescheiterte wissenschaftliche und karrieristische Unternehmungen sich in der neuen Disziplin "Psychoanalyse" bezahlt gemacht haben. Hier lesen wir von einem anti-autoritären Freud, der in erster Linie sich selbst die Art von Analyse antat, für die auch kein anderer "Objekt" sein sollte. Es ist ein jeder selbst, der "seine eigenen Wörter" in den Heilprozess einbringt. Die Psychoanalyse erzeuge durch ihr Setting zwischen zwei Menschen etwas Drittes, eine Sphäre, in dem der Leidende sich umwandeln kann. "Bestimmte Leiden", so Theweleit, "heilt man nicht mit Medikamenten, sondern mit der Spieldroge Wort." Franz Schuh