Sie hat offenbar genug vom klaglosen Organisieren, von der Koch-, Back- und Erziehungsroutine, von der Leitung ihres kleinen Familienbetriebs, aber auch von Prozac und stillen Depressionen. Die amerikanische Hausfrau begehrt auf. In Mark Binders Film An deiner Schulter pfeift sie auf die nette Familienfassade, hält betrunkene Sonntagsreden und schickt ihre Teenie-Töchter an den Herd. In Doug Limans Agentenkomödie Mr. und Mrs. Smith benutzt sie das Heimchendasein nur mehr als Tarnung und schießt beim Showdown lustvoll ihre Luxusküche und ein ganzes Einrichtungshaus in Schutt und Asche. Die Heldinnen der US-Fernsehserie Desperate Housewives formieren sich gar zum Vorstadtgeschwader. Sie perfektionieren den Haushalt zum Terrorregime oder werfen ihre schreienden Kinder aus dem Auto und klauen dem Nachwuchs der Nachbarin zur Bekämpfung der eigenen Krisen schon mal die Konzentrationsdrogen.

Es wäre übertrieben, angesichts dieser Verweigerungs- und Sabotageaktionen gleich von postemanzipatorischen Ausbrüchen und frauenbewegten Reflexen zu sprechen. Und doch fällt auf, dass sich amerikanische Filme und Serien zunehmend für Frauenfiguren interessieren, die die Zeit der großen Träume, Glückssuchen und Lebensentwürfe hinter sich haben. Ihre Geschichten handeln vom eingerichteten Leben und den Schwierigkeiten damit, von begrabenen Ambitionen, Frust und Langeweile. Sie gehen eine Lebensphase weiter als Sex and the City und die ewige Traummann-Dramaturgie der romantischen Komödien und schauen nach, wie es wirklich aussieht, wenn man mit Mr. Right oder Mr. Big in einem weiß gestrichenen Suburbia-Haus gelandet ist.

Dabei verweigern sich die neuen Hausfrauengeschichten der umfassenden Entfremdungsdiagnostik, die noch vor ein paar Jahren in Filmen wie Der Eissturm und American Beauty betrieben wurde. Ihre Heldinnen nehmen die Verhältnisse hin und machen das Beste daraus, ohne dass man diese Filme gleich reaktionär nennen müsste. Statt für den Überbau interessieren sie sich für den Alltag, daher sind ihre Fragen banaler, aber auch pragmatischer: Wie bekommt man als Alleinerziehende den neuen Liebhaber und die pubertierende Tochter unter einen Hut? Warum verzweifelt eine Frau, die als Spitzenmanagerin gearbeitet hat, an einem Sechs-Personen-Haushalt? Und wie setzt eine Betrogene ihre Wut möglichst würdevoll in Gin Tonics um?

Man muss sich nur anschauen, wie unterschiedlich die beiden Hausfrauenfiguren sind, die die wunderbare Darstellerin Joan Allen 1997 in Ang Lees Eissturm und nun in Mike Binders leichter Komödie An deiner Schulter spielt. Bei Ang Lee war sie das passive Leiden, erstarrt und verbittert im Familien- und Provinzalltag. Als verlassene Ehefrau Terry Wolfmeyer wird sie nun in Binders Film zur souveränen Herrscherin über die eigene Frustration und Trauer. Ganz gnadenlose Selbstbeobachterin, bringt sie ihre Misere mit sarkastischen Sprüchen und messerscharfen Pointen auf den Punkt. Im amerikanischen Original heißt Binders Film The Upside of Anger, zu Deutsch etwa "Die Oberfläche der Wut". Tatsächlich gibt sich seine verletzte Vorstadtheldin nicht die geringste Mühe, ihren Groll gegen den sang- und klanglos verschwundenen Ehemann zu sublimieren. Hier wird nichts in sich hineingefressen, sondern alles ausgekotzt. Womöglich wäre diese Komödie sogar ein wirklich guter Film geworden, hätte sie Allens beeindruckende Wutausbrüche nicht noch in Comic-Manier überzerrt. Trotzdem hat es etwas Befriedigendes, einer Frau zuzuschauen, die ihre Aggressionen bis in die angeschwollenen Halsschlagadern auslebt. Die keine Lust mehr hat, sich zum Vorbild ihrer vier Töchter aufzuschwingen, und die ihren neuen Liebhaber (den Kevin Costner mit aufreizender Trägheit spielt) per Telefon mit herrischer Stimme zum Sex einbestellt.

Weder Binders Films noch die Verzweifelten Hausfrauen aus der Wysteria Lane haben den Anspruch, alte und aktuelle Rollenbilder zu hinterfragen, geschweige denn zu dekonstruieren. Lieber treiben sie sie hemmungslos auf die Spitze. Joan Allens dauerbeduselte Heldin, die sich in Schmerz und Selbsthass suhlt, inszeniert sich eben auch das Fantasma der betrogenen Ehefrau auf den eigenen Leib. Bree, die Hyperhausfrau aus Desperate Housewives, schlägt mit dem Klischee zurück, wenn sie die Familie mit ihrem Dekorations- und Putzperfektionismus in Schach hält. Ähnlich überzogen geriert sich auch Jane Fonda in der Rolle einer geschassten Fernsehmoderatorin, die zum Schwiegermonster wird. Brautjungfernkleider, Vorhangfarben und Menüfolgen sind die Waffen, mit denen sie die Hochzeitsvorbereitungen des Sohnes zum Kriegsschauplatz umfunktioniert. Aber was wollen uns diese Frauen mit ihren Exzessen, Überstilisierungen und Selbstparodien eigentlich sagen? Geht es um eine neue Form der Revolution oder um ein hysterisches Verharren im Gewohnten?

Womöglich trifft weder das eine noch das andere zu. Vielleicht hat es die Filmhausfrau einfach satt, entweder tüchtiger Familienengel oder depressives Symptom einer immer gleichen System- und Gesellschaftskritik zu sein. Vielleicht will sie uns als Serien- und Filmheldin vor Augen führen, dass sie ihre Rolle nicht als Sackgasse, Stagnation und bloßes Opferdasein begreift. Und nicht mehr darauf warten wird, bis der Ehemann nach Hause kommt oder endlich seine junge schwedische Sekretärin verlässt.

Zugegeben, die Alternativen der neuen Hausfrauenfilme sind ein wenig plakativ: hartgesottene Pokerrunden am Vormittag, wohltätige Modenschauen, Auflösung der kleinstädtischen Mordfälle. Ob sie sich nun den jugendlichen Gärtner schnappen oder eine Beziehung mit dem alternden Baseballstar beginnen – gemeinsam ist all diesen Heldinnen dennoch die Utopie, dass es ein Leben jenseits des Stereotyps gibt und das Sein in Suburbia nicht zwangsläufig das Bewusstsein bestimmen muss. Es mag eine Binsenweisheit sein, dass man durchaus vier Kinder erziehen und einen Geraniengarten unterhalten kann, ohne gleich sein Gehirn beim Kekswettbewerb abzugeben. Aber vielleicht musste sie einfach einmal klar formuliert werden.