Der Euro wirkt angeschlagen. Seit Tagen, genauer seit dem französischen Referendum zur EU-Verfassung, erreicht die Gemeinschaftswährung ein Tief nach dem anderen. Erst ein Viermonatstief, dann ein Sechsmonatstief. Inzwischen notiert der Euro unter 1,20 Dollar und damit auf dem Niveau vom Mai vergangenen Jahres. Die Sache scheint klar zu sein: An den sensiblen Finanzmärkten werden das politische Vakuum in Brüssel, der Stillstand, der Streit zwischen England und Frankreich mit Skepsis aufgenommen. Ja, die internationalen Investoren setzen wohl schon auf das Ende der Währungsunion. So scheint es, wenn man nur auf den Wechselkurs zwischen Euro und Dollar schaut.

In Wirklichkeit ist von dieser Untergangsstimmung aber nichts zu spüren. Im Gegenteil: Europäische Aktien haben im laufenden Jahr im Schnitt rund zehn Prozent gewonnen, amerikanische dagegen leicht verloren. Auch an den Anleihemärkten steigen die Kurse. Die Staatspapiere Eurolands erreichen immer neue Höchststände. Eine Kapitalflucht raus aus der Euro-Zone und rein in den Dollar-Raum sieht anders aus.

Selbst am Devisenmarkt, dem spekulativsten aller Finanzmärkte, wird der Euro nicht ausgezählt. Das britische Pfund, der japanische Yen und der Schweizer Franken – sie alle haben sich in den vergangenen Wochen gegenüber dem Dollar noch schlechter als der Euro entwickelt. Zurzeit spekulieren die Händler am Devisenmarkt zur Abwechslung auf die künftigen Zinsunterschiede. Es gilt die Regel: Je stärker die Notenbankzinsen steigen werden, desto begehrter ist eine Währung. Die Wetten lauten auf unverändert robustes Wachstum in Amerika und Wachstumsschwäche in Europa.

Solange neue Wirtschaftsdaten an diesem Bild nichts ändern und die Zinsunterschiede im Mittelpunkt stehen, wird der Euro weiter fallen. Das ist Segen und Fluch zugleich. Segen, weil durch die Abwertung des Euro Amerikaner noch mehr hiesige Produkte kaufen. Das dürfte Deutschland vor einer neuen Rezession bewahren. Fluch, weil die Amerikaner heute schon viel zu viel im Ausland kaufen und auf Pump finanzieren. Das globale Ungleichgewicht schlechthin, das amerikanische Leistungsbilanzdefizit, nimmt immer dramatischere Formen an. Da wirkt die jüngste Aufwertung des Dollar absolut kontraproduktiv. Sie macht alle Hoffnungen zunichte, über den Marktmechanismus werde sich das Defizit allmählich verringern.

Bis März stand der Dollar unter Druck, weil sich die Investoren zu Recht wegen des Defizits sorgten und einen Dollar-Crash fürchteten. Die Sorgen werden zurückkehren, genau wie höhere Kurse des Euro.