Vom "verborgenen geheimen Zustand" ist die Rede, von "geistigen Tinkturen", der "Macht des himmlischen Einflusses" und dem "großen Geheimnis der Medizin & Transmutation". Der wahre Sinn der rätselhaften Schrift freilich bleibt verhüllt. Kein Wunder, das Manuskript stammt aus der Hand eines erfahrenen Alchemisten – Sir Isaac Newton. In den Schulbüchern wird er gefeiert als Schöpfer der klassischen Mechanik und Vater der modernen Wissenschaft. Verschwiegen wird dagegen gern, dass der Genius nicht nur Physik, Mathematik, Astronomie und Philosophie studierte, sondern – ach, mit heißem Bemühen – auch der schwarzen Kunst zuneigte.

Ein jetzt entdecktes Manuskript belegt diese verborgene Leidenschaft. Die 22-seitige Handschrift, die als verschollen galt, kam in den Archiven der Royal Society bei Katalogisierungsarbeiten zum Vorschein. Newton beschreibt darin Arbeiten anderer Alchemisten, liefert aber auch eigene Ansichten zu der Geheimwissenschaft, die etwa die Verwandlung unedler Metalle in Gold anstrebte. Wie alle Alchemisten benutzt Newton dabei eine codierte Sprache, die nur Eingeweihten verständlich war. In der Royal Society herrscht daher, bei aller Freude, auch eine gewisse Ratlosigkeit. Es sei "nicht einfach, herauszuarbeiten, was Newton eigentlich sagen wollte", heißt es in London.

Klar ist nur, dass das Manuskript kein Einzelstück ist. Denn der 1642 geborene Newton war, wie ihn John Maynard Keynes einmal beschrieb, "nicht der erste der Aufklärung", sondern "der letzte der Magier". Geprägt von der Mystik und Theologie des ausgehenden Mittelalters, studierte Newton neben der Geometrie des Euklid auch die mystischen Schriften des Hermes Trismegistos. Und neben seinem Job als Physikprofessor an der Universität Cambridge führte er nächtens alchemistische Experimente durch, kochte, rührte, destillierte und sublimierte mit unermüdlichem Ehrgeiz. Newton sei "eher ein Alchemist gewesen, der in müßigen Stunden noch ein wenig mathematische Naturwissenschaft getrieben habe", kommentiert der Newton-Biograf Harro Heuser in seinem kürzlich erschienenen Buch Der Physiker Gottes (Herder Verlag 2005).

Paradoxerweise führte ausgerechnet die schwarze Kunst Newton zur Revolution der Physik. Seine Theorie einer unsichtbaren, weit in die Ferne wirkenden Gravitationskraft geht direkt auf die alchemistische Vorstellung einer belebten Natur zurück, die von astralen, magnetischen und sonstigen "Kräften" aller Art durchzogen wird. Damit stand Newtons Ansicht in scharfem Gegensatz zur "mechanischen Philosophie" Descartes’, die nur sichtbare Wirkungen materieller Körper akzeptierte.

Dass sich die "nichtmechanische" Denkweise Newtons am Ende durchsetzte (und damit erst die "klassische Mechanik" begann), gehört zu jenen paradoxen Wendungen der Wissenschaftsgeschichte, die den Fortschritt so unberechenbar machen.