Außenstehenden kann das Werk des Dichters Philippe Jaccottet leicht eintönig vorkommen. Seit über fünfzig Jahren tut er eigentlich immer das Gleiche: Er beschreibt die Blumen und Bäume, die Berge und Flüsse, das Licht, das Wetter und die Jahreszeiten seines südfranzösischen Wohnorts Grignan. "Regentropfen – jeder dort am hellsten, wo er am schwersten ist, mit seinem Schatten an der Scheibe haftend, mit seiner dunklen Spitze. Eine ganz kleine, ganz klare Frucht", so geht eine typische Aufzeichnung Jaccottets. In Augenblicken der Niedergeschlagenheit fragt sich der Dichter selber, ob er sich nicht bloß wiederhole, ob seine Aufzeichnungen nicht langsam etwas Mechanisches bekämen. Auch altgediente Jaccottet-Leser kennen den Moment der Nervosität beim Aufschlagen eines neuen Buches: Kann sich bei den neuesten Beschreibungen eines Kirschbaums oder von Wolken das Leseglück wieder einstellen, das einen seinerzeit beim lesenden Gang durch einen blühenden Mandelbaumgarten sozusagen ins Schweben brachte?

Es stellt sich nicht nur wieder ein, es hat sich in den letzten Büchern des Autors, der jetzt 80 Jahre alt wurde, sogar noch vertieft. Und es lässt sich auch sagen, warum das so ist. Jaccottet ist noch unromantischer geworden, als er es ohnehin schon war. Noch karger und skeptischer im Wortgebrauch und zugleich weicher und inventiver in der Form und persönlicher in der Sache. Das formal Gestelzte, das etwas zu direkt angegangene Sujet, das ein bisschen übergewichtige Wort, das man in der Lyrik der Anfänge bisweilen finden konnte, gibt es nun nicht mehr. Jaccottet ist so leicht geworden, so beiläufig und versuchsweise tastend in seinen Annäherungen, dass er sich inzwischen auch eigentlich unmögliche Wörter und kaum zu bewältigende Sujets leicht leisten kann. In dem eben zweisprachig erschienenen Bericht über die Beerdigung des Dichterfreunds und Nachbarn André du Bouchet (Truinas, 21. April 2001; aus dem Französischen von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz, Lyrik Kabinett; München 2005; 77S., 15,– €) gibt er dem Tod eine viel hellere Färbung, als man es erwarten würde. Und unternimmt mit seinen 80 Jahren noch einmal etwas Neues: Er schreibt in Fragmenten wie immer, doch mehr als früher ordnen sie sich, wie unsichtbar magnetisiert, zu einer angedeuteten persönlichen Erzählung. In den Texten dieses Autors, der bislang für "Landschaften mit abwesenden Figuren" bekannt war, tauchen nun unversehens Figuren und Gespräche auf.

Es hat ein halbes Jahrhundert gedauert, bis Jaccottet sich diese Freiheit nahm. Vor über fünfzig Jahren ist der 23-jährige Schweizer mit Frau und Kind von Paris in die Drôme gezogen – er suchte billigen Wohnraum, und er wollte seine lyrische Stimme vor den Granden Ponge und Bonnefoy in Sicherheit bringen. Stattdessen hat er sie allererst gefunden. Es wehte ihn aus der Natur Grignans ein solches "émerveillement", eine solch höchste Verwunderung an, dass er gar nicht anders konnte, als über diese Offenbarungen, wie Jaccottet nie sagen würde, zu schreiben. Verblasen war nie, was er schrieb. Im Gegenteil, Jaccottet besteht auf dem hohen Wirklichkeitsgehalt seiner schwebenden Wortwolken, zu jeder könne er einem, sagt dieser Realist sui generis, den Tag und die Stunde der Erfahrung nennen. Anfangs mischte er noch mystische Partikel und antike Götter in diese Erscheinungen – sie sprangen wohl aus Hölderlin und Musil, die er damals ins Französische übertrug, nach Grignan. Mit den Jahren fand Jaccottet zur schönen zögerlichen Genauigkeit, die man sogar dem Druckbild seiner Bücher ansieht: Es ist gesprenkelt von Klammern, Gedankenstrichen und Fragezeichen – Satzzeichenspuren eines Mannes, der stockt, sich wendet, stehen bleibt und schweigt, bis aufleuchtet, was man nur bei ihm zu sehen bekommt und sonst nirgends in der Welt.