Viele Londoner gingen Freitag früh zu Fuß zur Arbeit, viele andere stehen Schlange an den Busstationen, die wieder angefahren werden. Die Bilder zeigen eine gefasste Stadtbevölkerung, wie schon am Donnerstagabend. Für die bewundernswerte Ruhe der Londoner gibt es wohl mehrere Gründe, darunter die öffentlichen Vorbereitungen auf einen terroristischen Angriff, die Erfahrungen mit dem Terror der IRA und nicht zuletzt die Erinnerungen Londoner Familien an die Nächte des Bombenterrors aus Deutschland.

Doch die relative Ruhe der Bevölkerung kann die schockierende Tatsache nicht vergessen machen, dass diesmal eine Stadt getroffen wurde, in der mehr für die Sicherheit getan wurde als anderswo. Dort sitzen einige der besten Geheimdienste der Welt, die Polizei kennt den Antiterrorkampf, es sind Überwachungskameras an öffentlichen Plätzen angebracht, und man darf auch der Behauptung Glauben schenken, eben deswegen seien schon etliche Anschläge verhindert worden. Gleichwohl, der 7. Juli konnte nicht verhindert werden. Und genau über diesen Umstand muss nun nachgedacht werden.

Was bedeutet es für die westlichen Gesellschaften, dass in ihnen ein Geflecht von islamistischen Terroristen nistet? Dieses Geflecht ist offenbar weit verzweigt und fest verankert in den vielen kulturellen und ökonomischen Nischen, die dieser Gesellschaftstyp enthält. Die Form der Terrornetze entspricht den Wirklichkeiten im Westen, ist optimal ihrer gesellschaftlichen Umwelt angepasst: al-Qaida ist ein Franchise-Unternehmen mit flacher Hierarchie, bestehend aus kleinen Einheiten, flexibel und vernetzt, selbstorganisierend mit Mobilkommunikation und Internet. Ein modernes Unternehmen, dessen Produkt der Tod ist.

Dass das terroristische Netz sich gerade im geographisch zugänglichen Europa ausbreitet, ist schon seit längerem die Einschätzung der Fachleute und der Regierungen. Nun aber, und dazu wird nicht zuletzt die EU-Präsidentschaft Tony Blairs beitragen, dürfte der Kampf Europas gegen den Terror einige Punkte auf der Tagesordnung nach oben rutschen und wichtiger werden als der verquere Entwurf eines Verfassungsvertrages oder manch andere Streitigkeit. Die EU-Europäer werden über ihre Prioritäten neu verhandeln, und die Absurdität der verschwendeten Agrarmilliarden wird schärfer hervortreten denn je in einer Zeit, da sich der Kontinent gegen eine groß und geschickt angelegte Strategie des Terrors wehren muss, deren Operationsbasis tief im Zentrum ihres Feindes liegt.

Das Gewicht Großbritanniens, das ohnehin nach den gescheiterten Referenden und - so ist Politik - mit der Entscheidung über die Olympischen Spiele zugenommen hatte, wird in den kommenden Monaten den Lauf der Dinge stark beeinflussen. Außenpolitisch dürfte dies außerdem bedeuten, dass politische Impulse aus Washington in den europäischen Hauptstädten mehr Wirkung zeigen als zuvor. Schlecht ist das nicht; der Kampf gegen den Terror wird durch innerwestliche Spaltungen nur geschwächt.

Es verhält sich ja nicht so, als sei gegen Terror kein Kraut gewachsen. Das Spektrum der Strategie reicht vom Dialog mit der muslimischen Welt (auch derjenigen in den westlichen Gesellschaften) über eine kluge Politik der Beziehungen zu muslimischen Staaten bis hin zur antiterroristischen Prävention und Repression, wo immer möglich. Natürlich wird es auch Fragen an die Amerikaner geben: Seht ihr jetzt ein, dass der Krieg gegen Saddam Hussein kein geeignetes Mittel war, den Terror zu bekämpfen? Doch diese und ähnliche Fragen dürfen einer engeren Zusammenarbeit mit Amerika nicht in den Weg gestellt werden.