Rheda-Wiedenbrück

Das Evangelische Krankenhaus in Rheda-Wiedenbrück ist in vieler Hinsicht eine Klinik wie jede andere. Vielleicht ist sie etwas zu klein geraten, mit ihren 111 Betten, aber diese sind frisch bezogen, die Flure sind gewienert, und im OP-Saal funkelt das Operationsbesteck. Nur eines fehlt dem Krankenhaus: Kranke. Denn am Donnerstag vergangener Woche hat das kleine Hospital die gesunderen seiner 50 Patienten nach Hause geschickt und die übrigen mit Krankentransportern in die nächstgelegenen Kliniken verfrachten lassen. Das Evangelische Krankenhaus Rheda-Wiedenbrück war pleite.

Was für eine Pleite! Kranke Betriebe sind im deutschen Gesundheitswesen nicht selten. Aber eine Klinik, die bei laufendem Betrieb Insolvenz anmeldet, das gab es noch nie. Nun ist die Aufregung groß in Rheda-Wiedenbrück. Demonstranten ziehen vors Rathaus, der Landrat findet den Vorgang "unglaublich" und die Neue Westfälische Zeitung erzählt aufs rührseligste von dem kleinen, nicht einmal 24 Stunden alten Luca, dessen Eltern auf der gynäkologischen Station noch einmal Danke hatten sagen wollen: Letztes Baby erlebt unrühmliches Ende mit.

Auch Schuldige waren schnell gefunden: die Krankenkassen, die mit ihrer Weigerung, die Kosten des notorisch unwirtschaftlichen Krankenhauses weiter zu übernehmen, den Konkurs erzwungen hätten. "Ungerechtfertigt und brutal" sei das, schimpfte der Regierungspräsident.

Die Kassen sind schuld – so einfach ist das.

In Wirklichkeit ist diese Geschichte sehr kompliziert. Es geht um Effizienz und Kostendämpfung im Gesundheitswesen. Es geht um Krankenhausstrukturpolitik, womöglich geht es sogar um den Regierungswechsel in Nordrhein-Westfalen. Und dass die Krankenkassen und ihre Mitglieder die Verlierer in diesem Konflikt sind, das Evangelische Krankenhaus und seine Angestellten dagegen die Sieger – diese Pointe erschließt sich erst bei genauer Betrachtung.

Am Anfang steht ein Problem, das in Deutschland fast allgegenwärtig ist: Es gibt zu viele Kliniken mit viel zu vielen Betten, und vor allem die kleinsten unter ihnen arbeiten unrentabel. Auch das Evangelische Krankenhaus in Rheda-Wiedenbrück, das 150 Jahre lang von einer kirchlichen Stiftung betrieben wurde, schrieb schon lange rote Zahlen. Darum beschloss das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium das Ende des Hospitals. Es wurde aus dem Krankenhausplan des Landes gestrichen. Neun Jahre ist das her.

Wird ein Krankenhaus aus dem Krankenhausplan gestrichen, endet seine Existenz als staatlich zugelassener Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen. Und das bedeutet: Kein Geld vom Staat – und vor allem: Kein Geld von den Krankenkassen. Die kleine Klinik war verloren.