Halberstadt

Halberstadt macht seinem Namen Ehre und halbiert nahezu einen weltweit beachteten Klang! So geschehen am Dienstag dieser Woche in der Burchardi-Kirche, wo seit dem Jahr 2001 das längste Musikstück aller Zeiten läuft. Verschwenderisch ist diese Aufführung einer Komposition von John Cage nur in ihrer Dauer von 639 Jahren. Im Augenblick ist das Stück eher arm an Noten, arm wie Halberstadt selbst, doch ganz auf die Zukunft gerichtet, wiederum wie die schöne alte Stadt in Sachsen-Anhalt, die durch das Langzeitgeorgel internationalen Ruhm und auch einen kleinen Aufschwung im Fremdenverkehr erlangt hat.

Zuletzt hing ein E-Dur-Akkord aus fünf Tönen jahreslang im Raum, schon etwas missmutig, der Stillstand hatte zu einer leichten Verstimmung der Pfeifen geführt. Halberstadts stellvertretender Oberbürgermeister Michael Haase übernahm es, die Stagnation zu beenden und den Klangfortschritt herbeizuführen. Kurz nach Feierabend zog er die Pfeife mit dem eingestrichenen h aus der – mangels Geld – recht provisorischen Orgel; ein Amtskollege entfernte synchron das eingestrichene gis. Zwei von fünf Tönen weg – Klangersparnis: 40 Prozent!

Von Presse, Funk und Fernsehen flankiert, fanden sich 200 Kulturhungrige damit ab, dass ihnen wieder mal etwas weggenommen wurde. Herr Haase zeigte sich nach vollbrachter Tat mit der entlassenen Pfeife. Lieber, gab er zu, hätte er einen Ton angestellt. Immerhin schaffe die Reduktion Klarheit und neue Deutlichkeit. Den 40000 Einwohnern Halberstadts war’s egal. Sie haben schon genug vom viergestrichenen Hartz.