Er wird zeitweilig ganz vorn stehen, in der ersten Reihe neben Bush, Blair und Chirac, und mancher Fernsehzuschauer mag sich fragen: Wer ist der schwarze Mann mit dem Silberbart, der sich da zu den Mächtigen der Welt gesellt? Was führt einen Afrikaner nach Gleneagles im verregneten Schottland, zu diesem G8-Gipfel, bei dem normalerweise die Reichen der Welt unter sich bleiben?

Man sollte sich den Namen dieses Mannes merken: Thabo Mbeki, Präsident von Südafrika. Er regiert das reichste Land auf dem ärmsten Kontinent, er ist der mächtigste Staatschef südlich der Sahara, und manche halten ihn neben UN-Generalsekretär Kofi Annan für den einzigen Staatsmann, den Afrika zurzeit hat. In seinem Präsidentenjet ist er unermüdlich zwischen Kapstadt und Kairo unterwegs, gestern São Tomé, heute Kinshasa, morgen Abidjan. Er schlichtet, stiftet Frieden, entsendet Truppen, 2000 Soldaten sind in Burundi, Uganda, Äthiopien, im Kongo und im Sudan stationiert.

Aber der Einfluss dieses Panafrikanisten reicht weit über seinen Erdteil hinaus. Zusammen mit den Schwellenländern Brasilien und Indien schmiedet er an einer Süd-Süd-Achse. Er fordert für alle Entwicklungsländer mehr geopolitische Mitsprache und für sein eigenes Land einen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Wenn er vor die UN-Generalversammlung tritt und die obszönen Gegensätze zwischen Armut und Reichtum beschreibt, dann glaubt man ihm das. Denn sein eigenes Land ist ein Mikrokosmos der ungerechten Welt. Kurzum: Thabo Mbeki ist im globalen Konzert eine gewichtige Stimme des Südens.

Auf dem Erdgipfel in Gleneagles fordert er einen Schuldenerlass für Afrika und mehr Hilfe, vor allem aber faire Handelsregeln. Mbeki will, dass sein Erdteil nach einem langen Mittelalter der Kriege und des Elends eine Renaissance erlebt. Er war federführend beim Entwurf der New Partnership for Africa’s Development (Nepad), eine Art Marshall-Plan, den die G8-Staatschefs unterstützen sollen. Wenn nicht gerade etwas Wichtigeres als der tägliche Hungertod von Abertausenden von Kindern auf ihrer globalen Agenda steht, dann hören sie ihm sogar zu. Weil Mbeki seine Botschaft nicht herausschreit, sondern recht sanft verkündet, weil er Stil hat und angelsächsisch gebildet ist, weil er Shakespeare schätzt und gewissermaßen ein weißer Schwarzer ist. Geopolitiker schmücken sich gern mit ihm – er verkörpert ein Medium, über das sie ihre Empathie für die Verdammten dieser Erde kommunizieren können. Sie mögen ihn alle, diesen klugen, bedachtsamen Amtskollegen aus Afrika. Gerhard Schröder spürt die Seelenverwandtschaft des Sozialdemokraten. Tony Blair schätzt ihn als liberalen Reformer. George Bush sagt: "Er ist mein Mann in Afrika."

Thabo Mbeki mag sich in diesen Tagen wünschen, dass man ihn in seinem Land genauso schätzte. Aber da zünden gerade die eigenen Parteigenossen vom African National Congress (ANC) seine Porträts an, nachdem er den allseits beliebten Vizepräsidenten Jacob Zuma gefeuert hat. Der zweite Mann war rettungslos in eine Bestechungsaffäre verstrickt, und Mbeki nimmt den Feldzug gegen die Korruption ernst. Das gehört zu den Selbstverpflichtungen von Nepad, mehrt sein Ansehen im Ausland – und gefährdet die Einheit seiner Partei. Hinter den Kulissen formieren sich die Traditionalisten gegen den Modernisierer Mbeki. Es ist ein Kampf des alten gegen das neue Afrika. In diesem neuen Afrika ist kein Platz mehr für Misswirtschaft und Günstlingswesen, und für windige Despoten schon gar nicht.

Aber ausgerechnet Robert Mugabe, den Diktator im Nachbarland Simbabwe, lässt Mbeki gewähren. Seinem guten Ruf im Norden hat das offenbar nicht geschadet, wie Bundeskanzler Gerhard Schröder am Rande einer Staatsvisite in Pretoria befand: "Das mag merkwürdig sein, aber es ist so." 2004 war das, im Januar. Unterdessen wird Mugabe mit Pol Pot verglichen, er lässt die Städte brutal "säubern", er verfolgt die Opposition, er zerstört sein Land – und Thabo Mbeki schweigt. Er zeigt dieses andere, sture, machtpolitische Gesicht, in dem die Züge des afrikanischen big man aufscheinen, der sich niemals in die Angelegenheit anderer Großmänner einmischt, schon gar nicht, wenn es sich um Helden des Befreiungskampfes handelt.

Wer ist dieser Mann, der die Demokratie pflegt und einen Diktator duldet? Der als Aufklärer an die Vernunft glaubt und im Land mit der weltweit höchsten Aidstodesrate den kausalen Zusammenhang von HI-Viren und der Immunschwächekrankheit bezweifelt? Der nach dem Untergang der Apartheid den verarmten Massen ein besseres Leben verspricht und dessen neoliberale Wirtschaftspolitik eine elitäre schwarze Bourgeoisie begünstigt, die längst vergessen hat, wo sie herkommt? Mit diesem Präsidenten geht es den Beobachtern wie unter dem Tor, das der altrömische Gott Janus bewacht. Sie treten hindurch und haben ihn verstanden, dann gehen sie zurück, und schon gibt er ihnen wieder Rätsel auf.

Thabo Mvuyelwa Mbeki, geboren 1942, im Alter von zwanzig Jahren von der ANC-Führung ins Exil nach England geschickt, studiert Ökonomie in Sussex, wird in Moskau militärisch geschliffen, vertritt die Befreiungsbewegung in Europa und Afrika, kehrt 1990 heim. Der eloquente, smarte, weltgewandte Diplomat ist maßgeblich beteiligt am historischen Kompromiss, der das Ende der Apartheid besiegelt. Nach der Wende 1994 avanciert er zum De-facto-Regierungschef, Mandela schwebt in den Wolken der Versöhnung, Mbeki macht die harte Politik. Als er im Oktober 1998 die ZEIT- Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff und den Korrespondenten empfängt, steht er als Nachfolger des legendären Alten längst fest. Fast unmerklich hat er alle Konkurrenten ausgebootet, er raucht sein Pfeifchen, wirkt leger, heiter, offen. Sieben Monate später ist er Präsident.