DIE ZEIT: Frau Merkel, das Land steckt in einer tiefen Krise, vielleicht der tiefsten seit 1949. Sie haben die Chance, Kanzlerin zu werden. Haben Sie keine Angst vor dem, was da auf Sie zukommt?

Angela Merkel: Angst ist für mich keine Kategorie. Ich habe Respekt vor der Aufgabe, und ich empfinde – auch wenn das altdeutsch klingt – Demut. Ein Mensch allein kann das nicht leisten. Viele müssen helfen. Und wir müssen um das Verständnis der Bevölkerung für die schwierige Lage des Landes und die Möglichkeiten von Politik werben.

ZEIT: Was macht das Außergewöhnliche der aktuellen Krise aus?

Merkel: Wir waren in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie in einer Situation, in der so viele Wechsel auf die Zukunft ausgestellt wurden. Allein die Schulden belaufen sich auf 1,4 Billionen Euro, und die Pensionsverpflichtungen des Staates liegen bei sechs Billionen. Das Neue ist, dass wir nicht automatisch hoffen können, dass unser Wohlstand einfach weiter zunimmt. Die Wohlstandserhaltung ist deshalb heute ein ehrgeiziges Ziel.

ZEIT: Auch früher gab es beunruhigende Entscheidungen, aber die Ökonomie hat bestens funktioniert. Ist jetzt die ökonomische Situation selbst zur Quelle der Angst geworden?

Merkel: Es sind Gewissheiten zusammengebrochen. Früher hieß es: Geht es meinem Betrieb gut, geht es auch mir als Arbeitnehmer gut. In der globalisierten Welt stimmt das nicht mehr einfach so. Wir müssen uns mit Wettbewerbern auseinander setzen, die wir früher nur als so genannte Entwicklungsländer betrachtet haben. Plötzlich stellen wir fest: Sie haben interessante Ideen, sie sind sehr gut gerüstet, und sie sind bereit, sich selber viel abzuverlangen. Das verunsichert viele in unserem Land, obwohl wir doch über hervorragende Grundbedingungen verfügen: Wir haben eine gute Infrastruktur, eine sehr stabile politische Ordnung, eine gute Ausgangsbildung. Insofern brauchen wir wirklich nicht in Angststarre zu verfallen.

ZEIT: An diesem psychologischen Problem hat sich schon die rot-grüne Regierung versucht.