Von allen Arten, sich Monaco zu nähern, ist der Weg durch den Lieferanteneingang der wohl ungewöhnlichste. Eigentlich muss man nur einen Kilometer Luftlinie überwinden, um von der Gebirgsautobahn zwischen Nizza und San Remo zur Küste hinunterzugelangen. Zum Greifen nah liegt der Fürstenpalast auf der Felseninsel, eingerahmt von Yachten und Ozeanriesen, unterlegt mit dem Stahlblau des Meeres und versilbert vom Glanz der Morgensonne. Doch auf der steilen Küstenabfahrt staut sich ein Konvoi von Sattelschleppern und Baufahrzeugen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Mit jeder Haarnadelkurve und Tunnelröhre rückt die Wasserkante immer weiter in die Ferne, und die erste Möglichkeit, den Wagen zum Stehen zu bringen, ergibt sich zehn Meter unterhalb des Meeresspiegels in der Tiefgarage von Monacos Gewerbegebiet Fontvieille.

Mit einem der täglich 100 Hubschrauber in sechs Minuten von Nizza nach Monaco zu fliegen ist keine Leistung. Das kann heute für 80 Euro fast jeder. Da ist die Anreise über Fontvieille schon etwas Besonderes. Was die Malocher-City Kowloon für Hongkong oder das Industriegebiet Mestre für Venedig ist, das findet hier auf einer gigantischen Landaufschüttung an der Rückseite des Fürstenfelsens statt. Mit ihren Fabriken und Bürocontainern trägt die Halbinsel mittlerweile ebenso zum Reichtum des Millionärsparadieses bei wie die Kasinos und Banken auf der anderen Seite. Bloß ein paar hundert Meter vom Yachthafen entfernt, dröhnen Plastikpressen für Autoteile, laufen die Fließbänder von Kosmetik-Multis und arbeiten pharmazeutische Forschungslabors an der Entwicklung hautverträglicher Unsterblichkeitscremes.

Während das Glücksspiel gerade noch vier Prozent, die Banken zwanzig Prozent und der Tourismus ein Drittel des monegassischen Wirtschaftsaufkommens ausmachen, steuern Handel und Industrie fast schon die Hälfte bei. Monacos wirtschaftliche Lage ist nicht gut, sie ist ausgezeichnet. Denn in dem Zwergstaat, der mit seinen 1,95 Quadratkilometern nur halb so groß ist wie der Englische Garten in München, erwirtschaften 32000 Voll- und Teilzeitbürger ein Inlandsprodukt von 9,2 Milliarden Euro. Weil das pro Kopf mehr als zehnmal so viel wie im europäischen Durchschnitt ist, müsste Monaco an allen Zufahrten eigentlich das Schild aufstellen: Wegen Reichtum geschlossen.

Monaco ist längst eine Art Edel-Ballermann für Vermögende

Aber die Grenzen des Wachstums werden die Nachfahren genuesischer Raubritter wohl nie erreichen. Vor 700 Jahren hatte die Erbdynastie der Grimaldis ihr Vermögen mit Schutzgeldern begründet, die sie von Handelsschiffen auf dem Mittelmeer erpresste. Doch die wirkliche Blüte Monacos begann erst, als die Fremden ihr Geld freiwillig ablieferten. Den Aufstieg als Stadtstaat und Familienkonzern verdankt es seinem Fürsten Rainier III., dem Vater von Prinz Albert, der am kommenden Dienstag offiziell die Nachfolge antritt.

Der im April verstorbene Fürst wurde oft als Zirkusdirektor beschrieben, der seinen Kleinstaat wie einen Vergnügungspark leitete und ihn eine Zeit lang sogar komplett überdachen wollte. Dabei wird jedoch vergessen, dass er vor allem ein brillanter Manager war. Er begnügte sich nicht damit, mit der amerikanischen Schauspielerin Grace Kelly alias Gracia Patricia eine glamouröse, aber skandalfreie Ehe zu führen, sondern holte unermüdlich Autorennen, Rosenbälle, Sportfeste, Kreuzfahrtluxus und regen Kongressbetrieb ins Land. So entstand der Nährboden, auf dem sich die Vermögenden mit ihren Firmen und Verwaltern gern ansiedeln.

Längst ist Monaco ein ganzjähriger Festivalbetrieb, eine Art Edel-Ballermann für Vermögende. Die andauernden Feuerwerke, Modenschauen und Messen sind so aufwändig, dass die 7000 Monegassen und 25000 gemeldeten Ausländer auf die Hilfe von 30000 Berufspendlern angewiesen sind, die täglich von Frankreich ins Fürstentum strömen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Zu den 2200 Fremdenzimmern kommen bald 600 weitere in zwei neuen Luxushotels, die die fürsteneigene Betriebsgesellschaft und die Novotel-Kette am Ufer errichten. Ein schwimmender Riesenpier von der Größe eines Flugzeugträgers kann seit 2004 bis zu 300 Kreuzfahrtriesen jährlich aufnehmen. Und um den Ansturm von fünf Millionen Besuchern im Jahr zu bewältigen, wird die Landgewinnung mit Aufschüttungen und künstlichen Inseln vorangetrieben.

Monaco ist ein Gemeinwesen im Zustand der permanenten Selbsterfindung. Lange verdankte es seine Anziehungskraft jenem Kunstgriff, der gemeinhin Las-Vegas-Effekt heißt und für Orte ohne herausragende Schönheit oder ruhmreiche Geschichte die einzige Distinktionsmöglichkeit schafft: Man erlaubt manches von dem, was anderswo verboten ist. Doch während Las Vegas mit Deregulierung am unteren Ende der Sittlichkeitsskala lockte, empfahl sich Monaco für die fiskalischen Freiheitsgelüste der Oberschicht. Mehr noch als seinem früheren Kasino-Monopol verdankt das Fürstentum den Steuerflüchtlingen aus aller Welt.