Für die einen ist es der Wissenschaftsposten mit dem größtmöglichen Prestige, für andere ein "Himmelfahrtskommando". Das musste David King, seit fünf Jahren Chief Scientific Adviser von Tony Blair, erst kürzlich wieder erleben. Da kritisierte er öffentlich und mit starken Worten Amerikas Klimapolitik. Die globale Erwärmung stelle eine sehr viel größere Gefahr dar als der internationale Terrorismus, erklärte der Chefwissenschaftler der britischen Regierung in diversen Artikeln und Reden. Dass er damit allerdings nicht nur internationales Aufsehen erregt, sondern auch die unsichtbare Demarkationslinie zwischen Politik und Wissenschaft überquert hatte, bekam King alsbald zu spüren.

Denn sein Vergleich war nicht nur wissenschaftlich fragwürdig, sondern hatte zudem den Nachteil, die Beziehungen zwischen Washington und London zu belasten. Premierminister Tony Blair, vor dem G8-Gipfel darum bemüht, mit Geduld und gutem Zureden George Bush doch noch ein signifikantes Zugeständnis abzuringen, reagierte irritiert und pfiff King zurück. Er möge seine Zunge fortan im Zaum halten, verlautete aus 10 Downing Street. Auch aus der Wissenschaft schlug King Kritik entgegen. Mit seinem Statement habe er sich zu weit "aus dem Fenster gelehnt", mäkelten die Kollegen von der Royal Society und verglichen den Chefwissenschaftler gar mit einem "Umweltaktivisten". Nur die oppositionellen Liberaldemokraten im Unterhaus empörten sich über den "Maulkorb", den man dem Berater verpasst habe, und bei den Umweltgruppen avancierte King gar zur heroischen Figur – was dieser allerdings kaum beabsichtigt hatte.

Seither jedenfalls hat das Image des 66-jährigen Professors für physikalische Chemie eine kleine Delle weg. Bis dahin hatte der gebürtige Südafrikaner allgemein als "safe pair of hands" gegolten, als verlässlicher Operateur und erprobter Kommunikator. David King, der an der Universität in Witwatersrand studiert hatte und in jungen Jahren als Antiapartheidsaktivist aufgefallen war, hatte danach eine steile wissenschaftliche Karriere gemacht, die ihn bis zum Leiter des Fachbereichs Chemie an der ehrwürdigen britischen Universität Cambridge führte. Im Jahr 2000 schließlich wurde er zum Chief Scientific Adviser (CSA) berufen, ein Amt, das der Premierminister nach Rücksprache mit den "Großen und Guten" des wissenschaftlichen Establishments vergibt.

Die Öffentlichkeit ist leicht erregbar, die Presse giert nach Schlagzeilen

Dem Chefberater der britischen Regierung wird eine Menge abverlangt. Neben beruflicher Kompetenz, einem wachen politischen Verstand und dem Fingerspitzengefühl eines Diplomaten erwartet man von ihm die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte zu erklären und den Bürgern Vertrauen einzuflößen. Schließlich operiert der Chefwissenschaftler in einem brisanten Umfeld: Da ist einerseits die leicht erregbare Öffentlichkeit, die rasch von Wellen der Panik erfasst wird; da sind die Medien, immer auf der Suche nach unerhörten Schlagzeilen; da sind andererseits die machtvollen Interessen der Wirtschaft, die auch die Wissenschaft beeinflussen; und dann ist da noch die Regierung, die Großbritannien an der Spitze des internationalen wissenschaftlich-technologischen Wettbewerbs sehen möchte. Blairs New-Labour-Regierung predigt nicht von ungefähr bei jeder Gelegenheit die "Wissensökonomie" und will den Vorsprung auch auf heiklen Gebieten wie Stammzellforschung, therapeutischem Klonen und der Biotechnologie verteidigt wissen.

Dies alles soll der britische Chefwissenschaftler im Blick behalten. Er hat darauf zu achten, dass die Regierung "bestmöglichen wissenschaftlichen Rat sucht und nutzt", und darauf, wie dieser Rat politisch umgesetzt wird. Um seine Rolle zu verstehen, muss man wissen, dass im britischen Kabinett (anders als in Deutschland) kein ausgesprochener Forschungsminister sitzt. Es gibt zwar einen Staatssekretär für Wissenschaft und Innovation, doch der untersteht dem Ministerium für Handel und Industrie.

Die Job-Beschreibung des Chief Scientific Adviser (CSA) dagegen sieht eine klare Trennung zwischen Politik und Wissenschaft vor: Der CSA hat zwar einen direkten Zugang zum Premierminister, aber er ist wissenschaftlich unabhängig – ein unschätzbarer Vorteil, wenn es darum geht, sich für Wissenschaftsthemen stark zu machen. Dass der Premier seinen Rat auch ignorieren kann, ist sozusagen die Kehrseite dieser Unabhängigkeit.